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Puh.

Am liebsten lebte der Mensch ohne Stress. Denn Stress setzt unter Druck, Stress macht krank. Dachte man lange. Nun finden Wissenschaftler Belege, dass der tägliche Kick für die Nerven auch guttun kann. Er motiviert, macht fit – und sogar glücklich.

JESCO DENZEL / DER SPIEGEL
von
Kerstin Kullmann
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Jochen Baumgarten dirigiert 40 Flugzeuge pro Stunde durch die Luft. Macht an einem normalen Arbeitstag jetzt im Sommer, Pausen eingerechnet: 260 Flugzeuge. In jedem sitzen Menschen, mal sind es 2, mal 3, mal 180, die sich auf Baumgartens Arbeit verlassen.

Menschen, die sterben würden, wenn er versagte.

Baumgarten, 50 Jahre alt, groß, schlank, ist Fluglotse. Piloten in seinem Luftraum müssen Kurs, Geschwindigkeit und die richtige Höhe halten, dafür ist er verantwortlich. Die Maschinen sollen sicher ans Ziel kommen. Er darf nicht einen Fehler machen.

Der Gedanke an all die Menschenleben, die in seinen Händen liegen, könnte ihn martern. Könnte ihn hadern lassen, fertigmachen. Aber solche Ängste sind das Letzte, was der Fluglotse bei seiner Arbeit gebrauchen kann. Für ihn gilt: nicht stressen lassen. Nie. Nur: Wie schafft man das?

Baumgarten führt durch das Kontrollzentrum der Deutschen Flugsicherung in Langen bei Frankfurt am Main. Ein hoher Raum, groß wie eine Sporthalle, keine Fenster. Die Arbeitsplätze – eine Ansammlung von Monitoren, Kopfhörern, Mikrofonen – sind in langen Reihen angeordnet. Zu jeder Zeit kontrollieren hier an die hundert Lotsen den Luftraum über dem Westen Deutschlands. 550 Fluglotsen zählen zur Belegschaft. Langen ist eines der größten Flugkontrollzentren Europas.

Baumgarten ist für den Himmel über Baden-Württemberg verantwortlich. Gerade befindet sich eine Passagiermaschine aus Antalya im Landeanflug auf Stuttgart. Auf dem Monitor bewegt sich eine Kombination aus Buchstaben, Zahlen und Pfeilen auf einen Strich zu: die Landebahn.

Vor Baumgartens innerem Auge entsteht dabei ein dreidimensionales Bild. Er sieht, wie sich die Maschine über die Landschaft, die Berge, Täler, Ballungsräume bewegt. Welcher Flugzeugtyp mit welcher Geschwindigkeit wie hoch steigen oder sinken wird, das hat er verinnerlicht, Wind und Wetter addiert er dazu.

Dieses innere Bild nennen Lotsen ihr »picture«. Die Kontrolle darüber dürfen sie nicht verlieren, komme, was wolle.

Es kommt immer etwas: Ein Flugzeug aus Moskau auf dem Weg nach Westen muss notlanden, ein Passagier liegt bewusstlos an Bord. Eine Gewitterfront nördlich von Stuttgart zieht tiefrot über die Wetterkarte. Ein Kleinflugzeug, das nur auf Sicht fliegt, hat sich über die Wolkendecke verirrt.

Was, wenn es kritisch wird? Kann ihm jemand helfen? Baumgarten sagt: »Wenn ich hier in einer schwierigen Situation bin, muss ich das selbst zu Ende bringen.« Die Abläufe, die er unter Kontrolle hat, sind so komplex, dass keine Zeit für lange Erklärungen bliebe. Bei dem, was sie tun, sind Lotsen auf sich gestellt.

Wie geht Baumgarten also mit Stress um? Hat er Angst beim Arbeiten?

»Nein«, sagt er. »Wenn der Puls hochgeht, wird der Fokus enger.« Hinter ihm könne eine ganze Schulklasse stehen, er arbeite sich einfach durch seine Aufgabe hindurch.

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»Wenn der Puls hochgeht, wird der Fokus enger.«
Jochen Baumgarten, Fluglotse

Gegen den Stress, erzählt der Fluglotse, würden ihm drei Dinge helfen: das Wissen, jede Situation zu einem guten Ende bringen zu können, das habe er sich in 25 Jahren als Lotse angeeignet. In ruhigeren Momenten während seiner Schicht stellt Baumgarten sich vor, es kämen noch ein,…

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Nr. 30/2018