Lesezeit 21 Min
Politik

„Plötzlich ist man Türke“

Flüchtlingsdeal, Armenien-Resolution, Erdoğan: Deutsche diskutieren aktuell viel über die Türkei – aber wenig mit ihren türkischstämmigen Mitbürgern. Zehn von ihnen schildern, wie sie die aufgeheizte Debatte erleben.

MARIA FECK / DER SPIEGEL
von
Laura Backes
,
Matthias Bartsch
,
Sven Becker
,
Anna Clauß
,
Jan Friedmann
,
Hubert Gude
,
Dietmar Hipp
,
Frank Hornig
und
Fidelius Schmid
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Politik

​Arzu Bakici, 42

Hotelfachfrau, Hausfrau und Mutter, Scharbeutz

Ich bin eines dieser typischen Gastarbeiterkinder. Meine Eltern wollten nur kurz hierbleiben und genügend Geld verdienen, um in ihrem Land eine Existenz gründen zu können. Uns Kinder haben sie zur Oma in die Türkei geschickt, damit sie Schichten schieben konnten in der Fabrik. Sie haben es aber nicht geschafft, in ihr Land zurückzukehren.

Schließlich entschieden sie, dass ich endgültig in Deutschland bleiben sollte. Ich wurde aus meiner gewohnten Umgebung herausgerissen und musste mich als 16-Jährige neu orientieren. Aber ich hatte immer die Türkei in meinem Herzen.

Meine Mutter war sehr streng. Ich musste mich hier anpassen und durfte keine türkischen Freunde haben, damit ich die deutsche Sprache lerne. So kam es, dass ich irgendwann einen Deutschen geheiratet habe. Wenigstens haben wir unseren Kindern türkische Namen gegeben, damit sie ihren Ursprung, meinen Ursprung, nicht vergessen.

Eines Tages im Winter nahm mir an der Tankstelle eine Frau im Pelz meinen Platz an der Zapfsäule weg. Auf meine Frage, ob sie bitte etwas weiter vorfahren könne, damit wir beide tanken können, drehte sie sich um und sagte in gebrochenem Deutsch: „Geh in dein Land schimpfen.“ Auf meine Antwort, das hier sei ja nicht ihr Land, sagte sie voller Stolz: „Ich bin Deutsche.“

Ich war wie gelähmt. Gleich am nächsten Tag bin ich zum Amt, habe dem Beamten die Geschichte erzählt und gesagt:

„So, jetzt muss ich deutsch werden, damit ich solchen Leuten meinen Ausweis unter die Nase halten kann.“ Er lachte und gab mir die Antragspapiere. Ich war allerdings zu faul, alle Dokumente zu besorgen, und blieb erst mal Türkin.

Aber wenn ich jetzt sehe, was mit der Türkei passiert, dann reicht es mir. Wenn ich sehe, was Erdoğan mit meinem Land macht. Wenn ich sehe, dass es genügend Menschen gibt, die ihn wählen, die hinter ihm stehen. Wenn ich sehe, wie die Werte und Normen vernichtet werden, welche Atatürk seiner Zeit voraus in meinem Land eingeführt hat. Wenn ich sehe, dass mein Land, das Religion und Politik voneinander getrennt hatte, jetzt alles dafür tut, diese Trennung aufzuheben – wie kann ich dann noch sagen: Ich bin Türkin? Wie kann man da tatenlos zuschauen?

Ich glaube, jetzt bin ich bereit, Deutsche zu werden, denn ich möchte nicht mit Erdoğan und seinen Anhängern in einem Atemzug genannt werden.

Yusuf Sönmez,…

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Nr. 26/2016