Lesezeit 19 Min
Gesellschaft

Plötzlich im Süden

Der Schriftsteller Navid Kermani hat für den SPIEGEL eine Reise durch den Osten eines zerrissenen Kontinents gemacht. Sie begann in Schwerin und führte ihn bisher bis in den Kaukasus, wo diese Exkursion ihren Ausgang nimmt.

DMITRIJ LELTSCHUK / DER SPIEGEL
von
Navid Kermani
Lesezeit 19 Min
Gesellschaft

Erster Tag

Der Kaukasus ist wahrscheinlich die einzige Region der Welt, in der man innerhalb von zwei Stunden durch drei verschiedene Kriege fahren kann. Gut, es sind keine wirklichen Kriege mehr; von Anschlägen, sporadischen Scharmützeln und staatlichem Terror abgesehen, stehen die Waffen derzeit still. Außerdem sind hier, auf einem Gebiet kaum größer als die Bundesrepublik, mehr als 50 Völker mit je eigener Sprache versammelt, da relativiert sich die Dichte der Konflikte auch. Von Tschetschenien weiß man als Europäer noch halbwegs, worum es ging; von Inguschien und Ossetien bestenfalls, dass da irgendetwas war. Wäre ich eine Stunde östlich aufgebrochen, dann wäre ich mit Dagestan durch eine weitere Provinz gekommen, in der der Krieg aufgehört hat, ohne dass der Frieden beginnt.

Frühmorgens brechen wir in Grosny auf und erreichen über eine schnurgerade Autobahn den Checkpoint mit Soldaten und Maschinengewehren, an dem Tschetschenien zu Ende ist. Die Minarette bleiben sich auch nach dem Checkpoint gleich. Ähnlich wie die Tschetschenen haben sich die Inguschen im 19. Jahrhundert erbittert gegen die Russen gewehrt und wurden – auch deshalb? – unter Stalin deportiert. Als sie zurückkehren durften, hatten sie einen großen Teil ihres Siedlungsgebiets an die überwiegend christlichen Osseten verloren. Der Streifen, der den Inguschen im Osten blieb, ist so schmal, dass wir nach einer halben Stunde bereits Kirchtürme sehen, aber auch Hammer und Sichel – als wären wir in die Sowjetunion zurückgekehrt. Im Unterschied zu den anderen Völkern des Kaukasus hatten die Osseten meist ein freundschaftliches Verhältnis zu Russland, das ihnen Schutz gegen die muslimischen Nachbarn und Eroberer bot. So war es kein Zufall, dass Katharina die Große in Ossetien die Stadt errichten ließ, von der aus ihre Armee Volk für Volk unterwerfen sollte. Wladikawkas heißt sie bis heute – "beherrsche den Kaukasus".

Navid Kermani

Kermani, 50, ist Autor, Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels und lebt in Köln. Bislang hat der SPIEGEL acht Teile seiner Reisereportage veröffentlicht. Vier weitere werden in den nächsten Wochen folgen. Seine Reise endet im iranischen Isfahan, der Heimat seiner Eltern. Ende Januar erscheint Kermanis Reisetagebuch auch im Verlag C. H. Beck ("Entlang den Gräben").

Fast eine Million Soldaten hatte Russland verloren, bis es Mitte des 19.…

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Nr. 51/2017