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Politik

Plastikrosen in Zellophan

Sie nennen es „strategisches Patt“. Im 17. Jahr am Hindukusch will der Westen nur noch eines: die Macht der Taliban eindämmen. Bundeswehr und US-Streitkräfte operieren dabei in zwei Welten.

KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN / DER SPIEGEL
von
Matthias Gebauer
und
Konstantin von Hammerstein
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Politik

Kurze Sicherheitsbelehrung. Wenn es knallt, und es hat erst neulich wieder geknallt, als die Taliban mit ihren Raketen fast den Hubschrauberlandeplatz getroffen hätten, wenn es also knallt, dann sofort zum nächsten Bunker laufen und abwarten. Wobei Bunker ein großes Wort ist für die grauen Betonklötze, die überall im Lager herumstehen und aussehen wie ein umgekipptes eckiges U. Im Innern zwei Bierbänke, ein paar Wasserflaschen und vor den offenen Seiten jeweils ein kleiner Betonklotz als Splitterschutz. Okay?

Der General nickt, seine Begleiter nicken, alles okay. Na dann kann es ja losgehen. Der Oberst, der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben muss, baut sich vor der großen Wandkarte auf, seine Hand fährt über die Plastikfolie mit den militärischen Symbolen, es ist ein wirres Bild. Die Lage in der nordafghanischen Provinz Kunduz scheint unübersichtlich zu sein.

Jörg Vollmer kennt das Terrain, der General hat zwei Einsätze als Kommandeur des Regionalkommandos Nord hinter sich, inzwischen ist er Inspekteur des Heeres und damit Chef von 60 000 Soldaten. Vollmer ist am Morgen mit seinem schwer bewaffneten Tross in zwei zivilen russischen Miethubschraubern die 90 Minuten von Masar-i-Scharif nach Kunduz geflogen. Es ging nicht anders, die Bundeswehrhelikopter waren mal wieder kaputt.

Der Oberst vor der Wandkarte macht es kurz. Hier ist Camp Pamir mit dem Hauptquartier der 20. Division und den deutschen Militärberatern, da sind die Stellungen der afghanischen Armee, und dort liegen die Taliban. Seine Hand zeigt auf kleine Fünfecke aus rosa Pappe, die mit Nadeln auf die Karte geheftet sind. Jeder Zettel ist sauber mit einer Zahl beschriftet, 571, 326, 438.

Als Vollmer nachfragt, muss der Oberst grinsen. Tja, sagt er, die Afghanen liebten es eben, exakte Zahlen ihrer Gegner zu melden. Der General nickt. Er weiß, was von den Zahlen zu halten ist, aber was soll er machen? Die Bundeswehr hat keine eigenen Erkenntnisse, sie ist auf die afghanischen Angaben angewiesen…

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Nr. 7/2018