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Kultur

Planet Deutschland

Autoren nichtdeutscher Herkunft schreiben die besten Bücher der deutschen Gegenwartsliteratur. Was verbindet sie? Wäre es nicht Zeit für eine neue Gruppe 47? Ein Besuch bei Deutschlands eingewanderten Autoren.

TIM WEGNER / DER SPIEGEL
von
Volker Weidermann
Lesezeit 15 Min
Kultur

Was ist denn das für ein komischer Vogel? Krächzend fliegt ein Papagei über den Mikrodschungel im Blumencafé in Berlin-Prenzlauer Berg. Abbas Khider lässt sich nicht stören, reißt die Arme in die Luft, legt die Haare hinter die Ohren, deutet nach hier, nach da. Er erzählt in Windeseile die Geschichte seiner Flucht aus dem Irak, der plötzlichen Freiheit des Denkens und des Schreibens im Exil in Jordanien, in Ägypten, in Libyen, wie er irgendwann begann, auf Deutsch zu schreiben, und wie er jetzt in Kursen jungen Ägyptern in Kairo literarisches Schreiben beibringt, obwohl er es selbst nie gelernt hat und sich darüber zuvor eigentlich auch nie Gedanken gemacht hat.

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ABBAS KHIDER, geb. in Bagdad 1973: „Ich bin neidisch auf Heinrich Böll. Er hat die Welt verändert.“

Khider, 42, in Bagdad geboren, ist einer jener Schriftsteller nichtdeutscher Herkunft, die die deutsche Gegenwartsliteratur seit einigen Jahren bestimmen. Einer jener eingewanderten Autoren, die die überraschendsten und kraftvollsten deutschsprachigen Werke unserer Zeit geschrieben haben. Sie kommen aus Bosnien, Bulgarien, Georgien, aus der Ukraine und der Türkei, aus dem Irak oder aus Prag, ihre Muttersprache ist nicht Deutsch. Es ist die Sprache ihrer Literatur. Sie sind in die deutsche Literatur eingewandert. Und sie könnten heute so eine Kraft in der deutschen Literatur sein, wie es die Juden in Deutschland vor 1933 waren. Sie könnten so streitsüchtig und machtbewusst sein, wie die Autoren der Gruppe 47 es waren. Sind sie aber nicht. Sie sind anders, sie leben heute, in der Epoche der literarischen Vereinzelung, der Einzelkämpfer, Abschotter, Interessenvertreter des Ich.

Ist das wirklich so? Kann man es ändern? Will das jemand? Könnte man nicht heute wieder eine Gruppe bilden, in der radikal und rücksichtslos die literarischen, die politischen Fragen unserer Zeit besprochen werden? Hilft das nicht allen? Uns, den Lesern? Ihnen, den Schriftstellern? Im Kampf um Aufmerksamkeit? Um bessere Bücher, bessere Laune, mehr Gemeinschaftlichkeit…

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Nr. 22/2015