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Politik

Operation „Ochi“

Premierminister Tsipras hat sein Land ins Chaos geführt. Es herrscht Schwarz-Weiß-Denken, es ist die Stunde der Übertreibungen und Mythen. 

MARO KOURI / DER SPIEGEL
von
Julia Amalia Heyer
,
Katrin Kuntz
und
Alexander Smoltczyk
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Politik

Als Griechenland aus Sicht des Internationalen Währungsfonds seit einigen Stunden in Zahlungsverzug war, am Mittwoch, stand Alexis Tsipras gerahmt von einer griechischen und einer europäischen Flagge in der Villa Maximos von Athen, seinem Amtssitz. Er sprach ruhig in eine Fernsehkamera, vielleicht etwas angestrengter als sonst. Die Banken des Landes waren seit drei Tagen geschlossen, nun wollte Griechenlands Premierminister sein Volk beruhigen, indem er es gegen Europa aufwiegelte.

Vor ledergebundenen Folianten erklärte er, warum es das Referendum über Europas Reformpläne, das er kurz zuvor noch selbst als mögliche Verhandlungsmasse angeboten hatte, nun doch auf jeden Fall geben solle. „Sie schlagen jetzt zurück“, sagte Tsipras, „sie“ erpressten die Griechen, indem „sie“ die Banken schlössen, indem „sie“ das Volk, „uns“, leiden ließen, damit „wir“, die Griechen, endlich kuschten.

„Sie lügen“, sagte Tsipras, es war ein gespenstischer Auftritt, unerhört in einem Europa, das sich gern als Union empfindet, „sie erklären euch, dass diese Abstimmung eine Abstimmung für oder gegen den Euro ist.“ Tatsächlich sei das Gegenteil der Fall. Tatsächlich hätten die Gläubiger, seit er das Referendum verkündet habe, „bessere Vorschläge“ geschickt. Und es gehe jetzt darum, mit einem kraftvollen Nein des griechischen Volkes die Verhandlungsposition seiner Regierung zu stärken. Seine Stimme, sagte Tsipras, werde umso lauter klingen, „wenn ihr, das Volk, mich unterstützt“.

Zu sagen, der Ton sei rauer geworden in dieser dramatischen Woche der schier endlosen Saga von Rettung und Untergang, ist eine nette Untertreibung. Im Norden Europas stellten sich Politiker reihenweise vor Mikrofone, um zu erklären, wie sie sich von den griechischen Kollegen hintergangen fühlten, allen voran EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der einem dieser Tage manchmal vorkommen kann wie ein erschöpfter Großvater, den ein geliebter Enkel tief enttäuscht hat.

Im Land der Griechen selbst walzt das von Tsipras geförderte Schwarz-Weiß-Denken Differenzierungen nieder, das kurzschlüssige Drängen auf ein Entweder-oder herrscht vor, der naive Glaube…

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Nr. 28/2015