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Notstand im Dieselland

Ein Grundsatzurteil könnte Millionen Dieselautos aus den Innenstädten verbannen und wertlos machen. Der Bund will das mit kostenlosen ÖPNV-Tickets verhindern und die Konzerne zu Hardware-Nachrüstungen drängen.

MARTINLUKASKIM.DE / DER SPIEGEL
von
Matthias Bartsch
,
Frank Dohmen
,
Simon Hage
,
Nils Klawitter
und
Gerald Traufetter
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Das Nyegaard-Stift an der Hamburger Max-Brauer-Allee war einmal als Ruhesitz für alleinstehende, mittellose Frauen gebaut worden. Ältere Damen wie Charlotte Lill wohnen noch immer darin. Von Ruhe aber kann keine Rede mehr sein. "Von sauberer Luft schon gar nicht", sagt die 70-Jährige.

Mehr als 20 000 Fahrzeuge dröhnen an dem 117 Jahre alten Neorenaissance-Bau vorbei, jeden Tag. Die Allee gilt als eine der dreckigsten Straßen der Hansestadt. Lüften könne sie nur noch nachts, sagt Lill, deren Hochparterrewohnung direkt an der vierspurigen Straße liegt. "Wir sind hier die Abgas-Versuchskaninchen."

Eine Luftmessstation in Sichtweite des Stifts liefert den Beweis, dass die seit 2010 in der EU geltenden Schadstoffgrenzwerte regelmäßig überschritten werden. Der tägliche Dunst raubt den Bewohnerinnen die Luft. Einlullen konnte er sie nicht. Schon vor drei Jahren haben 30 von ihnen den Kampf gegen die Stadt aufgenommen, verkehrsberuhigende Maßnahmen gefordert und die Stadt schließlich wegen Untätigkeit verklagt. Von dort habe die Antwort nur geheißen: Wir überprüfen, wir berechnen, wir haben kein Personal. "Passiert ist nichts", sagt Lill.

Kommenden Donnerstag könnte sich das ändern. Dann beschäftigt sich das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig mit der Frage, ob vage Luftreinhaltepläne reichen, oder ob Problemstädte wie Hamburg eben "schnellstmöglich" für sauberere Luft sorgen müssen, inklusive Fahrverboten. Vieles spricht dafür, dass die Richter der Gesundheit absoluten Vorrang einräumen, wie von ihren Düsseldorfer und Stuttgarter Kollegen in den Vorinstanzen bereits klar angemahnt.

Das Grundsatzurteil dürfte Schockwellen auslösen, betroffen wären: über 60…

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Nr. 8/2018