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Verbrechen

Nicht zu fassen

Alle drei Minuten wird in Deutschland in eine Wohnung eingebrochen. Die Täter sind oft Mitglieder osteuropäischer Banden, arme Teufel – oder einfach Bekannte. Der Staat scheint machtlos.

DANIEL STOLLE / DER SPIEGEL
von
Laura Backes
,
Matthias Bartsch
,
Maik Baumgärtner
,
Jörg Diehl
,
Julia Jüttner
,
Conny Neumann
,
Jörg Schindler
,
Andreas Ulrich
und
Wolf Wiedmann-Schmidt
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Verbrechen

Als die guten Bürger im Oderbruch die Schnauze voll hatten, legten sie Tierfallen in ihre Gärten. Manche hängten Wackersteine an einem Seil über ihre Türen, andere setzten die Klinken unter Strom. Im hohen Gras versteckten sie Eggen, die Spitzen nach oben, zwischen Bäumen spannten sie Schnüre mit Knallpatronen, an die Scheunendächer schraubten sie Scheinwerfer. Nachts ist nun weithin alles erleuchtet, und fast jeder hat zu Hause mindestens einen Knüppel griffbereit. „Es wär so ein schönes Leben hier“, sagt Bernd Musall, „man weiß nur nicht, wenn man abends ins Bett geht, ob morgens noch alles da ist.“

Musall steht vorm Anglerheim von Küstrin-Kietz im östlichen Zipfel Brandenburgs und zeigt auf einen Spalt über der Tür. Der stammt vom 11. Januar. Die Diebe müssen mit schwerem Gerät angerückt sein. Als sie die Tür aufstemmten, barst der Beton. Viel Arbeit für ein paar Biertische. Etwas anderes war nicht mehr da. Die zwei Kühlschränke, die Kühltruhe, den Herd, den Geschirrspüler und sogar Anglerpokale hatten sie schon bei sechs Einbrüchen zuvor mitgehen lassen. „In aller Seelenruhe“, sagt Musall, der Heimwart.

Das Klubhaus, in dem die Leute auch Geburtstage und Grillfeste feiern, liegt weitab vom Schuss, unter hohen Erlen und an einem Tümpel, den sie Dammmeisterloch nennen. Nebenan erstreckt sich ein Maisfeld, in dem sich schon manch Einbrecher erfolgreich versteckt hat. Das Maisfeld grenzt an die Oder, und dahinter liegt bereits Polen. „Tja“, sagt Musall.

Er ist ein wuchtiger Rentner von 65 Jahren mit wortkargem Humor. Er weiß nicht, was er täte, bekäme er je einen von denen in die Finger. „Jungsche Bengels“ seien das, die alles mitnähmen, was sich zu Geld machen lasse – Motorsensen, Heckenscheren, Vertikutierer, Angelzeug. Zu Hause wachte er nachts einmal auf, als jemand das Schweißgerät aus der Garage über den Zaun wuchtete und türmte. Das war der vierte Einbruch. Zusammen mit den sieben vom Anglerheim macht das elf. Er ist damit noch nicht mal Rekordhalter in dieser Gegend. Das dürfte der Fischer Schneider sein, den sie inzwischen mehr als 30-mal heimgesucht haben. Einmal, kurz vor Weihnachten, haben sie ihm sogar die lebenden Karpfen aus dem Becken geklaut.

Die Oder macht hier, im äußersten Osten Deutschlands, einen weiten Bogen um Küstrin-Kietz. Die Häuser liegen weitläufig in der üppigen Landschaft, umgeben von Feldern, Bäumen, Gebüsch, zwischen denen man herrlich Räuber und Gendarm spielen kann. Nur ist das hier kein Spiel.

Das Dorf sei „aus jeder Richtung angreifbar“, sagt Gerhard Schwagerick, der Ortsvorsteher. Das klingt nach Belagerungszustand, und genau so fühlen sich die Menschen hier seit einigen Jahren. Keiner weiß mehr genau, wie oft Diebe in Küstrin-Kietz, in Kuhbrücke, in Bleyen und in all den anderen Dörfern entlang der Oder in die Häuser und Lauben eingestiegen sind. Aber allein seit 2013 waren es viele hundert Einbrüche.

Rund um Küstrin-Kietz ist es zuletzt weniger geworden. Aber Musall traut dem Frieden nicht. Er hat an die Tür zum Anglerheim ein Blech geschweißt und für 200 Euro ein neues Schloss gekauft. „Man muss sich selbst wehren, es hilft uns ja keiner.“

Wenn Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Montag vor die Presse tritt, um die neuen Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik zu präsentieren, wird er dem Wohnungseinbruch viele mahnende Worte widmen – wie schon im Jahr zuvor und im Jahr davor. Wahrscheinlich wird er vor straff organisierten reisenden Banden warnen, wieder den Vergleich zur Organisierten Kriminalität anstellen, wieder den Kampf dagegen zu einer der wichtigsten Aufgaben seiner Politik erklären. Die Frage wird allerdings sein, ob ihm die Menschen noch glauben.

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Eindringliche Zahlen: Wohnungseinbrüche in Deutschland, in Tausend

167136 Wohnungseinbrüche und Einbruchversuche registrierte die Polizei im vergangenen Jahr bundesweit; weitere 55 000-mal marschierten Diebe in unverschlossene Wohnstuben, um sie…

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Nr. 21/2016