Lesezeit 22 Min
Gesellschaft

Neue Nähe

Viele Menschen verbringen mehr Zeit mit ihrem Smartphone, bei Chat und Spiel, als mit ihrer Familie. Sind wir vernetzt wie nie – und versinken doch in Einsamkeit? Nein: Es geht uns gut.

JON FRICKEY / DER SPIEGEL
von
Laura Höflinger
Lesezeit 22 Min
Gesellschaft

Lydia ist eine moderne Frau: mobil, unabhängig – und mutterseelenallein.

Für eine neue Stelle zog sie von Kassel nach Hannover; da war sie 38 Jahre alt. Die Beziehung zerbrach an der Distanz, der Job ging auch bald verloren. Lydia saß in einer Wohnung, die nicht ihr Zuhause war, in einer Stadt, die keine Heimat war. Um sie herum stapelten sich blaue Säcke und Kisten. Sie weinte.

Nur noch raus hier.

Durch die Straßen fegte kalter Wind. Lydia marschierte drauflos, ein Jogger trabte vorbei. Sie grüßte, ihre Stimme klang seltsam fremd in ihren Ohren, und sie merkte: Es war das erste Mal seit Tagen, dass sie gesprochen hatte.

Und der Jogger? Blieb stumm.

Es existiert kein Wort für das Gegenteil von Einsamkeit. Aber wenn es eins gäbe, sagt Lydia, dann wäre es Heimat. Wie früher, wenn sie ihre Oma besuchte. Ein Platz voller Wärme und Geborgenheit.

Und Einsamkeit?

„Als ob ich unter einer Kuppel leben würde. Ich spreche, aber nur das Echo antwortet.“ Es ist ein Ort, an dem Lydia niemanden erreichen kann und niemand sie.

Die Wochen zogen sich dahin, und Lydia begann Menschen zu zählen. Da war: die Kassiererin im Supermarkt. Ein Mann in der Schlange, mit dem sie sich stritt. Der Jogger. Einmal rempelte sie einen Spaziergänger an, aus Versehen, aber immerhin: menschlicher Kontakt.

Was sie durchgemacht hat, ist Lydia unangenehm. Deswegen bittet sie darum, hier auf ihren echten Namen zu verzichten. Man dürfe schreiben, dass sie Chemie studiert hat und jetzt 39 Jahre alt ist.

Lydia ist ein Mensch wie jeder, einer, der andere Menschen braucht, vielleicht ein wenig zu sehr. Filme schaut sie lieber zu zweit. Abende allein sind ihr ein Graus. Sie ist eine attraktive Frau, weswegen sie nie lange Single blieb. Lacht sie, dann geht manchmal eins ihrer Augen mit zu. Als zwinkerte sie.

Vor ihr liegt ihr Handy, und wenn es vibriert, zieht sie es zu sich heran. Sie dreht es in den Händen, und man denkt unwillkürlich: Gibt es in diesen Zeiten etwas Leichteres, als Kontakt aufzunehmen?

In ihrem Telefon hat Lydia viele Nummern gespeichert. Bei WhatsApp tauscht sie mit etlichen Bekannten Nachrichten aus. Und doch war unter all diesen niemand, dem sie ihr Leid hätte anvertrauen wollen.

Lydia kennt viele Menschen, aber niemanden so richtig. Nicht dass sie ein Problem mit Beziehungen hätte. Sie bleibt nur nie lange genug an einem Ort.

In den letzten vier Jahren zog sie dreimal um – der Job wollte es so. Sie hat keine Kinder, ist nicht verheiratet. Sie lebt in einer Großstadt, in der die Nachbarn Fremde sind. Sie verbringt mehr Zeit mit ihrem Handy als mit ihrer Familie. Ist es da überraschend, dass sie allein zwischen Müllsäcken endet? Ist es nicht die zwingende Konsequenz dieses Lebensstils?

Lydias Leben ist das einer ganzen Generation. An einem Fleck bleiben, einen Job in derselben Firma, Jubiläen im Kreise der Familie, Freunde, Vereinskumpel zu feiern, das gibt es nicht mehr, jedenfalls nicht in den Städten.

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Nr. 27/2016