Lesezeit 27 Min
Gesellschaft

Neue Heimat

Vielen Deutschen wird ihr Land fremd, sie fürchten, dass Zuwanderung die Republik verändert. Jeder Fünfte, der hier lebt, hat einen Migrationshintergrund, und die Zahl wird weiter steigen. Ein Bericht über eine Nation unter Spannung.

DMITRIJ LELTSCHUK / DER SPIEGEL
von
Matthias Bartsch
,
Annette Bruhns
,
Anna Clauß
,
Lukas Eberle
,
Katrin Elger
,
Bartholomäus von Laffert
,
Cordula Meyer
und
Katja Thimm
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Gesellschaft

Maike Manz streicht sich mit den Händen über den Bauch und hofft, dass die junge Frau im Krankenbett vor ihr zumindest ahnt, was sie ihr damit sagen will. "Wir werden gleich den Ultraschall machen, und dann werden wir entscheiden, wie es weitergeht", sagt die Gynäkologin langsam und überdeutlich.

Die Schwangere kommt aus Guinea-Bissau und lebt erst seit neun Monaten in Deutschland. Ratlos schaut die Westafrikanerin zu, wie die Ärztin ihre Pantomime vorführt. Auf ihrem kugelrunden Bauch klebt die Sonde eines CTG-Messgeräts, das die Herzfrequenz der Kinder misst. Sie ist in der 36. Woche mit Zwillingen schwanger. Außer "Baby" hat sie nichts verstanden. Sie spricht kein Deutsch.

Manz guckt Hilfe suchend auf das Display ihres Telefons. Viertel vor fünf. Die Übersetzerin – eine Verwandte der Patientin – sollte seit 45 Minuten hier sein. Schulterzucken. "Andere Kulturen, anderes Zeitverständnis", sagt Manz, die seit vergangenem Jahr die Geburtsstation der Mariahilf Klinik in Hamburg-Harburg leitet.

Bei der Visite und während einer Geburt hat die Chefärztin immer Karteikarten mit Basisvokabular in Arabisch, Farsi, Russisch, Rumänisch und Türkisch dabei. Bei der Auswahl neuer Mitarbeiter achtet Manz darauf, dass sie mit den neuen Anforderungen auf ihrer Station zurechtkommen.

Deshalb ist Sufyan Abdulhadi in den vergangenen drei Jahren zu so etwas wie dem Superstar der Klinik aufgestiegen. Der Libyer begann 2008 seine Facharztausbildung in Deutschland. Seit 2014 arbeitet er im Mariahilf.

Abdulhadi vermittelt zwischen den Kulturen. Die arabischen Familien fühlen sich bei ihm gut aufgehoben, sie müssen ihm nicht lange etwas erklären. "Ich habe hier in den letzten Jahren mehr Arabisch als Deutsch geredet. Es ist unglaublich wichtig für die Frauen, die zu uns kommen, dass im wichtigsten Moment ihres Lebens ein Arzt in der Nähe ist, der sie versteht."

Fast 40 Prozent der Mütter, die im Mariahilf ihre Kinder zur Welt bringen, wurden nicht in Deutschland geboren. Harburg, wo die Klinik liegt, ist kein reicher Bezirk Hamburgs, aber auch kein sozialer Brennpunkt. In vielen anderen Großstadtkliniken sieht die Statistik ähnlich aus. Geburtshilfe in Deutschland ist dort zu einem multikulturellen Berufsfeld mit besonderen Herausforderungen geworden.

Den jüngsten Auswertungen des Statistischen Bundesamts zufolge hatte 2016 fast jedes vierte in Deutschland geborene Baby eine ausländische Mutter, Ausländerinnen tragen viel dazu bei, dass die Geburtenrate steigt. Schon jetzt hat jeder Fünfte hierzulande einen Migrationshintergrund.

Deutschland ist ganz offensichtlich ein Einwanderungsland, und es verändert sich rasant. Viele Ökonomen und auch Politiker betonen zwar gern die erfreulichen Seiten der Entwicklung – jahrzehntelang fürchtete man sich vor einer Vergreisung der Gesellschaft –, doch es gibt eine große Gruppe, die diese Entwicklung alles andere als erfreulich findet.

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Durchschnittliche Kinderzahl

Diese Menschen fragen sich, wie ihre Heimat wohl in 10, 20 oder 30 Jahren aussehen wird. Und sie haben Zweifel, ob die Regierung die Probleme lösen kann, die sich schon jetzt durch die mangelnde Integration mancher Migranten abzeichnen. Etliche fürchten, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Deutschland mit einer planlosen Einwanderungspolitik in eine düstere Zukunft führt. Eine Politik, die darin besteht, nicht die gut ausgebildeten Fachkräfte anzuwerben, sondern die Migranten als Asylbewerber kommen lässt. Und aufgrund derer meist auch jene irgendwie bleiben können, deren Anträge abgelehnt werden.

Die Angst vor einer solchen ungesteuerten Migration ist nicht neu. Sie machte…

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Nr. 16/2018