Lesezeit 12 Min
Gesellschaft

Nachts, in der Kälte

Viele Obdachlose in Deutschland stammen aus Osteuropa. Hamburg galt als besonders hilfsbereit – inzwischen will die Stadt die Menschen loswerden.

MAURICIO BUSTAMANTE / DER SPIEGEL
von
Bruno Schrep
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Gesellschaft

Wo er heute Nacht schlafe? Piotr P. schaut auf den strömenden Regen, zuckt mit den Schultern, ratlos. Aus dem Treppenhaus, in dem er Unterschlupf gefunden hatte, haben ihn am Morgen Polizisten vertrieben, ein Mieter hatte ihn verpfiffen. In die überdachte Ladezone hinter dem Supermarkt, sein Ausweichquartier, kann er auch nicht mehr, der Hausmeister hat den Zugang mit Stacheldraht versperrt. Und die winzigen Kammern in der nahe gelegenen Kirchengemeinde, reserviert für arme Teufel wie ihn, sind alle belegt.

"Manchmal ist das Leben ein bisschen schwer", seufzt der Obdachlose aus Polen. Seit Stunden steht er jetzt, einen leeren Plastikbecher am ausgestreckten Arm, in einer Fußgängerzone in Hamburg-Altona. Außer einer 20-Cent-Münze, die ein mitleidiger Passant spendiert hat, hat er nichts eingesammelt. In seiner Verzweiflung versucht er es mit Humor. "Hast du mal 1000 Euro für mich?", ruft er Passanten zu. "Hat jemand Gold dabei?"

Er zittert, leert ein Fläschchen Kräuterlikör in einem Zug. Das war's. Alle Alkoholvorräte sind aufgebraucht, er brauchte so dringend Nachschub, und wenn es nur ein oder zwei Flaschen Bier wären. Wodka wäre besser. Oder, noch viel besser, eine Prise Heroin zum Inhalieren.

26 Jahre ist er alt, seine Gesundheit ruiniert. Ohne Job, ohne Geld, ohne Wohnung. Ohne Perspektive. Und dann noch die verfluchte Sucht. "Ich möchte mich so gern ändern", sagt er, "aber ich kann nicht." Keine Kraft oder keinen Willen mehr, wen kümmert das schon?

Etwa 2000 Obdachlose leben derzeit auf Hamburgs Straßen. Sie betteln oder verkaufen Zeitungen, einige haben schon am Vormittag eine Pulle Schnaps in der Hand. Männer, Frauen, auch…

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Nr. 11/2018