Lesezeit 14 Min
Gesellschaft

Mit Glamour, ohne Gram

Gloria Steinem wurde in den Sechzigerjahren zur Ikone der Frauenbewegung. Nun kann eine Frau US-Präsidentin werden. Ist der Feminismus am Ziel angekommen?

RODERICK AICHINGER / DER SPIEGEL
von
Samiha Shafy
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Gesellschaft

Als Martin Luther King Jr. seine berühmteste Rede hielt, lernte Gloria Steinem den Feminismus kennen – in Gestalt einer dicken alten Afroamerikanerin mit Strohhut. Es war der 28. August 1963, ein heißer Sommertag in Washington. Steinem, damals 29 Jahre alt und freie Journalistin, ließ sich inmitten von 250 000 Menschen Richtung Lincoln Memorial treiben. Sie wollte den wortgewaltigen Anführer der schwarzen Bürgerrechtsbewegung erleben.

Neben ihr ging die alte Dame mit Strohhut, sie kamen ins Gespräch. Mrs Greene marschierte mit, um gegen die Rassentrennung zu protestieren; jahrelang hatte sie in einem Büro in der Hauptstadt hinter einem Sichtschutz arbeiten müssen, der sie von ihren weißen Kollegen trennte. Nun aber ärgerte sie sich, sie deutete zur Bühne: so viele Redner, sagte sie, und keine einzige Rednerin. Wer erzählt jetzt die Geschichten der schwarzen Frauen, fragte Mrs Greene, all die Geschichten von Unterdrückung und Gewalt?

Steinem war verblüfft. Über den Zusammenhang zwischen Rassismus und Sexismus hatte sie noch nie nachgedacht. Ihr war auch nicht aufgefallen, dass nur Männer redeten; sie kannte es nicht anders. Mrs Greene musterte sie, mit mildem Spott im Blick. „Ihr weißen Frauen“, sagte sie, „wenn ihr nicht für euch selbst einsteht, wie könnt ihr dann für andere kämpfen?“ Martin Luther King hielt seine Rede, er rief jene Worte, deren Echo bis heute nachhallt: „I have a dream.“ Er sprach von seinem Traum, dass „die Söhne der Sklaven“ und die „Söhne der Sklavenhalter“ eines Tages am „Tisch der Brüderlichkeit“ zusammensitzen würden.

Die Frauen hörten zu. Etwas fehlte.

50 Jahre später, im November 2013, stand Steinem im Weißen Haus vor dem ersten afroamerikanischen Staatsoberhaupt. Barack Obama überreichte ihr die Freiheitsmedaille des Präsidenten, eine der beiden höchsten zivilen Ehrungen des Landes. Steinem hatte es seit jenem 28. August 1963 zu ihrer Lebensaufgabe gemacht, für die Gleichberechtigung von Mann…

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Nr. 27/2016