Lesezeit 12 Min
Gesellschaft

"Mit einem Ja fängt alles erst an"

Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal über angeblich frauenfeindliche Migranten, allzu virile US-Präsidenten und das unterschätzte Hobby Poledance

MICHAEL DANNENMANN / DER SPIEGEL
von
Susanne Beyer
und
Laura Backes
Lesezeit 12 Min
Gesellschaft

Sanyal, 45, ist Feministin, Kulturwissenschaftlerin und Autorin. Kürzlich erschien ihr Buch "Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens“.

SPIEGEL: Frau Sanyal, in Freiburg ist eine Medizinstudentin vergewaltigt und ermordet worden, tatverdächtig ist ein afghanischer Flüchtling. Ein anderer Flüchtling soll in Bochum zwei Frauen vergewaltigt haben. Sie haben ein Buch mit dem Titel "Vergewaltigung" geschrieben. Wie blicken Sie auf die aktuellen Fälle?

Sanyal: Zurzeit ist noch so vieles unklar. Darüber zu spekulieren, ob Flüchtlinge dazu neigen, Medizinstudentinnen zu vergewaltigen und zu töten, ist ähnlich hilfreich wie darüber zu spekulieren, ob das Menschen mit blondierten Haaren tun. Übrigens wurde erst dieses Jahr in Thüringen ein deutscher Krankenpfleger verurteilt, weil er seine 82-jährige Nachbarin vergewaltigte und dann tötete.

SPIEGEL: Also: lieber schweigen?

Sanyal: Nein, natürlich ist es wichtig, sich mit sexistischen Strukturen auseinanderzusetzen. Mit den eigenen und den – übrigens sehr unterschiedlichen – sexistischen Strukturen von Menschen, die hierherkommen. Bloß ist das komplex.

SPIEGEL: Der Sexismus war eines der großen Themen dieses Jahres: Mit den Übergriffen von Köln ging es los, daran schloss die Nein-heißt-Nein-Debatte über den Vergewaltigungsparagrafen an, dann kam die Aufregung um Donald Trumps Äußerungen. Hat sich das Verhältnis zwischen Frauen und Männern in diesem Jahr verschlechtert?

Sanyal: Nein, im Gegenteil. Es gibt Hoffnung.

SPIEGEL: Wie bitte?

Sanyal: Seit den…

Jetzt weiterlesen für 0,91 €
Nr. 50/2016