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Verbrechen

Mit 300 Fragen gegen die Wand

Enttäuschung, Misstrauen, zu viel Ungeklärtes – nach vier Jahren NSU-Prozess ziehen die Familien der Toten eine bittere Bilanz.

DOMINIK ASBACH / DER SPIEGEL
von
Beate Lakotta
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Verbrechen

In Dortmund steht, gleich hinter dem Bahnhof, ein Mahnmal, ein Strahl aus dunklem Basalt: "Neonazistische Verbrecher haben zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen in sieben deutschen Städten ermordet" ist darauf zu lesen. "Neun Mitbürger, die mit ihren Familien in Deutschland eine neue Heimat fanden, und eine Polizistin." Daneben zehn Namen, zehn Todesdaten.

Der achte Name: "Mehmet Kubaşık, 04.04.2006, Dortmund".

Mehmet Kubaşık, der vor Freude weinte, als Gamze geboren wurde, sein erstes Kind. Gamze, Vaters Tochter. Sie kommt gern an diesen Ort, hier herrscht Klarheit über die Verbrechen, die ihr Leben zerstörten, genau wie das der Şimşeks, Yozgats, Özüdoğrus, Kiesewetters.

Das Gericht, hatte Gamze Kubaşık geglaubt, werde auch so ein Ort der Klarheit sein, an dem Schuld und Verantwortung benannt werden. Aber nun, da es an den Familien der Toten ist, Bilanz zu ziehen, will sie selbst etwas klarstellen: "Ich dachte, dass wir Gerechtigkeit und Aufklärung bekommen. Antworten auf unsere Fragen: warum mein Vater? Wie sind sie auf ihn gekommen? Wie wurde das geplant? Wer hat unseren Kiosk ausgespäht? Wer hat ihnen noch geholfen? Jeden Abend denke ich daran, wenn ich wach im Bett liege."

Sie will dem Richter sagen, dass sie erwartet habe, diese Last werde am Ende des Prozesses von ihr abfallen. Und dass sie jetzt fürchte, ihr Leben lang daran tragen zu müssen.

Das ist ihre Bilanz, auch wenn andere mahnen, kein Prozess der Welt könne all die Hoffnungen und Erwartungen erfüllen, die sie in dieses Verfahren gesetzt hatte.

Aus Sicht der Bundesanwaltschaft besteht nach mehr als vier Jahren Aufklärungsarbeit vor dem Münchner Oberlandesgericht durchaus Klarheit: Der NSU, sagen die Ankläger, habe aus drei Personen bestanden, die im Untergrund gelebt haben: Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Die mutmaßlichen Mordschützen sind tot. Vier…

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Nr. 41/2017