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Menschen nach Maß

Eine neue Gentech-Methode versetzt Bioforscher in einen Schaffensrausch. Erbkrankheiten könnten damit geheilt werden – aber auch das Designerbaby
 rückt in den Bereich des Machbaren. Wie weit darf das Leben umgestaltet werden?

JASON GROW / DER SPIEGEL
von
Johann Grolle
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Den Rohstoff fürs Menschendesign zu beschaffen ist nicht schwierig. Ein Klick im Katalog von Addgene genügt. So heißt ein Versandhandel in Cambridge bei Boston, der Labors weltweit mit Genen jedweder Art versorgt.

Es kostet auch nicht viel Platz, Gene aufzubewahren. Als Warenlager reichen Addgene vier Kühltruhen aus. Tiefgefroren bei minus 80 Grad Celsius, schlummern darin in strohhalmdünnen Röhrchen knapp 50 000 Bakterienstämme. Jeder von ihnen trägt, eingebaut in sogenannte Plasmide, ein spezifisches Gen in sich.

Das Labor von Addgene ist im fünften Stock eines Bürogebäudes nahe des Massachusetts Institute of Technology (MIT) gelegen. Geschäftig greifen die Laboranten die vereisten Röhrchenpaletten aus dem Gefrierfach. Rasch gleichen sie den Barcode auf den Röhrchen mit der Bestellung ab; dann impfen sie ein Nährmedium mit den Bakterien und stellen dieses in den Inkubator. Am folgenden Morgen wird die bakterielle Fracht dann auf den Weg zum Kunden gebracht.

Egal ob Genabschnitte von Fruchtfliege, Zebrafisch oder Fadenwurm, bei Addgene sind sie zu haben. Auch menschliche Hirn-, Leber- und Muskelgene sind im Angebot – zum Fixpreis von 65 Dollar pro Stück.

Addgene wurde vor elf Jahren als gemeinnützige Organisation gegründet. Erklärtes Ziel war es, Labors überall auf der Welt genetisches Rohmaterial möglichst unkompliziert zugänglich zu machen. Das Interesse war rege, das Geschäft lief ordentlich – bis es vor drei Jahren geradezu explodierte.

Zwei Wissenschaftlerinnen – die eine im kalifornischen Berkeley, die andere im schwedischen Umeå – hatten ein neues Verfahren entwickelt, mit dessen Hilfe die Genmanipulation zum Kinderspiel wird. Als „bahnbrechend“, „umwälzend“ und „revolutionär“ wurde die Methode mit dem sperrigen Namen „Crispr-Cas9“ gepriesen. Mühselige, tüftelige Gentech-Experimente, die einst teuer und zeitaufwendig gewesen waren, kann jetzt ein Doktorand im Handumdrehen durchführen – schnell, verlässlich und genau.

Prompt schlug sich das in den Bestellungen bei Addgene nieder. Dutzende, Hunderte, schließlich Tausende Labors wollten das Crispr-Verfahren ausprobieren. Mehr als 50 000 Anfragen kamen inzwischen von 2200 Universitäten nicht nur aus den USA, sondern auch aus Taiwan, Litauen, Argentinien, Südafrika.

Und das ist erst der Anfang. Jetzt geht es darum, das Sortiment der Gene zu vergrößern. „Noch haben wir mit unserem Archiv bei Weitem nicht das ganze Erbgut des Menschen abgedeckt“, sagt Andy Baltus vom Addgene-Management. Doch das könnte sich ändern. Die Organisation bereitet sich derzeit darauf vor, das Angebot um eine Bibliothek von noch einmal 60 000 Sequenzen zu erweitern. Mit ihnen soll es dann möglich sein, jedes beliebige Gen im Erbgut des Menschen anzusteuern.

„Wenn wir diese…

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Nr. 49/2015