Lesezeit 14 Min
Politik

"Mehr und mehr Spaltungen"

Der scheidende Präsident Barack Obama spricht über das Erbe, das er hinterlässt, über seine Sorgen um eine bedrohte Demokratie und seinen Nachfolger Donald Trump.

MATTHIAS ZIEGLER / DER SPIEGEL
von
Sonia Seymour Mikich
und
Klaus Brinkbäumer
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Politik

Barack Obama für ein Gespräch zu gewinnen ist ein schwieriges Unterfangen; mit ausländischen Medien spricht er selten. Die ARD und der SPIEGEL entschieden sich deshalb, den amerikanischen Präsidenten gemeinsam zum Interview zu bitten. Der folgende Text ist die Langfassung des geführten und von der ARD in gekürzter Form ausgestrahlten Gesprächs.

ARD/SPIEGEL: Mr President, Donald Trumps Sieg hat die große Unzufriedenheit der Amerikaner und eine massive Spaltung innerhalb der amerikanischen Gesellschaft offengelegt. Hat Sie dieses Ausmaß an Wut überrascht?

Obama: Man sollte nicht überbewerten, was da geschehen ist. Amerika war ja schon eine Weile politisch tief gespalten. Das zeigte sich in den Problemen, die ich mit dem republikanisch dominierten Kongress hatte. Ungewöhnlich an diesen Wahlen war, dass meine persönlichen Zustimmungswerte so hoch wie eh und je seit meiner Wahl sind und es der amerikanischen Wirtschaft relativ gut geht. Gleichzeitig aber gibt es eine untergründige, gesellschaftliche Spaltung in den USA. Einiges davon hat damit zu tun, dass sich Wirtschaftswachstum und Aufschwung eher in Städten und urban geprägten Gegenden bemerkbar machen, während es in einigen ländlichen Gebieten schwächeres Wachstum und Stagnation gab – vor allem wenn sie von der herstellenden Industrie abhängig waren. Die Menschen dort haben das Gefühl, ihren Kindern wird es einmal schlechter gehen als ihnen.

Es gibt kulturelle, soziale und demografische Faktoren, die eine Rolle gespielt haben. Sie unterscheiden sich nicht sehr von Themen, mit denen Europa konfrontiert ist: die Einwanderung und das sich ändernde Gesicht der amerikanischen Bevölkerung – das hat bei den Leuten etwas ausgelöst. Trump war in der Lage, einige dieser Ängste auszunutzen. Amerikanische Politik ist wandlungsfähig, und im Zeitalter der sozialen Medien bedeutet dies, dass Wähler schnell ihre Meinung ändern. Es gibt sicher Millionen…

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Nr. 47/2016