Lesezeit 14 Min
Gesellschaft

Mathys großer Schlaf

Verzweifelt über den frühen Tod der eigenen Tochter, findet ein Paar aus Bangkok Hoffnung in Amerika. Es gibt die Kindsleiche in die Obhut von Kryonikern, die Tote für eine Zeit konservieren, in der die Medizin den Schlüssel zur Auferstehung findet.

BRANDON SULLIVAN / DER SPIEGEL
von
Claas Relotius
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Gesellschaft

Die letzte Nachricht der Eltern an ihr Kind ist in einem Video festgehalten, 58 Minuten und 9 Sekunden lang, gespeichert auf einer silbernen Compact Disc. Die Aufnahme zeigt zwei Menschen, eine Frau in weißer Bluse, einen Mann in schwarzem Hemd, sie sitzen gebeugt auf einem Sofa und halten sich an den Händen. "Dein Name ist Matheryn" sagt der Vater. "Wir nannten dich nur Mathy", sagt die Mutter. Leise sprechen sie zu ihrer Tochter, erklären ihr, wer sie sei und woher sie komme.

Dass sie aus einem fernen Land stamme und eine weite Reise hinter sich habe. Dass sie ein kleines Mädchen sei, das Tiere und Schokolade liebe. Dass sie kein künstliches Wesen sei, kein Relikt aus einer anderen Welt, nur ein ganz normaler Mensch. Die Eltern zögern einen Moment, als suchten sie nach den richtigen Worten, dann, zärtlich, erzählen sie dem Kind, es habe sehr tief geschlafen und für eine Ewigkeit im Eis geruht, "vielleicht 80, vielleicht 90, vielleicht 100 Jahre lang".

Es ist ein Nachmittag im Mai, Nareerat Naovaratpong und ihr Ehemann Sahatorn sitzen in ihrer Wohnung in Bangkok, auf demselben Sofa, das im Video zu sehen ist, vor ihnen liegt die CD mit der Aufschrift "Mathy". Ihr Apartment liegt im siebten Stock eines Geschäftshauses, gefliester Boden, Designermöbel, alle Fenster stehen offen, schwüle Luft dringt herein und der Lärm der Stadt. Seit ihre Tochter nicht mehr bei ihnen ist, sagt Sahatorn, der Vater, ein schmächtiger Mann, könnten sie Stille kaum ertragen.

Sie legen die CD in ein Computerlaufwerk ein, sehen sich das Video noch einmal an. Sie haben es erst vor Tagen aufgenommen, ihre Gesichter sind sichtbar gezeichnet, und doch ist spürbar, wie sie versuchen, ihren Blick in die Kamera zu versenken. Wie sie hoffen, Intensität herzustellen, Nähe, als wäre es möglich, dass sie ihrem Kind noch ein letztes Mal in die Augen sähen. Nareerat, die Mutter, 37 Jahre alt, und Sahatorn, der Vater, 41, sie sprechen zu einem toten Kind. Zu Mathy,…

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Nr. 30/2015