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In Mamas Schatten

Über drei Millionen Kinder wachsen mit psychisch kranken Eltern auf. Sie brauchen Hilfe, um seelischen Schaden zu verhindern. Doch dabei hat die Bundesregierung versagt.

JOANNA NOTTEBROCK / DER SPIEGEL
von
Ann-Katrin Müller
und
Cornelia Schmergal
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An den Tag, an dem man seine Mutter in die Psychiatrie brachte, erinnert sich Julian mit Mühe. Sein Gedächtnis gibt nur wenige Fragmente preis. Dass seine Mutter schrie, weil sie Scharfschützen im Haus gegenüber wähnte. Wie das Blaulicht über die Straße flackerte, während die Sanitäter sie in den Krankenwagen zwangen. Dass er selbst im Fond eines Polizeiautos warten musste, bis die Rettungskräfte mit seiner Mutter davonfuhren, und dass er nicht wusste, was mit ihr geschah.

Der Rest des Tages ist aus seiner Erinnerung verschwunden. Es ist, als wollte sein Gedächtnis ihn schützen.

Julian war 13 Jahre alt, als seine Mutter für lange Zeit in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses am Rande Heidelbergs verschwand. Ein schwerer Fall von Schizophrenie, hatten die Ärzte gesagt. Danach war für Julian nichts mehr, wie es einmal war.

Er zog zu seinem Vater, den er bis dahin nur an den Wochenenden und in den Ferien gesehen hatte. In der Pause saß er allein auf der Schultreppe, auch seine Freunde gingen auf Abstand. Zwei Jahre nach dem Abitur brach er sein Studium ab. Mit 21 Jahren wurde auch Julian in eine psychiatrische Klinik eingeliefert.

Kein Therapeut, kein Psychiater, kein Sozialarbeiter hatte bis dahin je nach ihm gesehen. "Ich hatte als Kind null Hilfe", sagt er heute.

Inzwischen ist Julian 36, und dass er nun nach seinen Erinnerungen sucht, hat auch mit seinem Sohn zu tun. Vor fast vier Monaten ist Julian Vater…

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Nr. 20/2017