Lesezeit 24 Min
Verbrechen

Logistiker des Schattens

Tausende Menschen vertrauen sich jeden Tag Schleppern an, um nach Europa zu gelangen. So wie es die 71 Menschen taten, die in einem Kühllaster starben. Schleuser sind die Profiteure eines politischen Versagens – und sie scheuen kein Risiko.

AKOS STILLER / DER SPIEGEL
von
Maik Baumgärtner
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Sven Becker
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Rafael Buschmann
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Uwe Buse
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Jörg Diehl
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Fiona Ehlers
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Özlem Gezer
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Ralf Hoppe
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Katrin Kuntz
,
Maximilian Popp
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Jan Puhl
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Anna Reuß
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Christoph Scheuermann
,
Andreas Ulrich
und
Andreas Wassermann
Lesezeit 24 Min
Verbrechen

Ein Autonarr sei er, sagt seine Mutter, ein Bastler und Schrauber. Seine Ehefrau und seine Töchter sehen in ihm den guten Ehemann und Vater, der allerdings selten zu Hause war. Für den Rest Europas ist Metodi G., Spitzname Mitko, der Mann, der vermutlich in eine Katastrophe mit 71 toten Flüchtlingen verstrickt ist.

Mitko, der Schleuser.

Fünf Tage nachdem auf der A4 in Österreich ein Kühlwagen mit 71 Toten gefunden wurde, bittet Mitkos Mutter in ihr Wohnzimmer in Lom, im Nordwesten Bulgariens. Ihr Sohn sitzt seit einigen Tagen zusammen mit vier weiteren Verdächtigen in Untersuchungshaft. Er beteuert seine Unschuld, aber es sieht nicht gut aus.

Die Mutter stellt Kaffee auf den Tisch und sagt, niemals hätte Mitko gewollt, dass Menschen sterben. Ihren Sohn habe sie schon länger nicht gesehen, aber sie weiß natürlich, dass viele Männer aus der Gegend im lukrativen Geschäft mit Flüchtlingen tätig sind. Es sei kein Wunder, sagt sie, dass arme Bulgaren Flüchtlinge über die Grenze bringen. Vor allem die Syrer seien wohlhabende Menschen. "Sie haben Geld, um solche Reisen zu bezahlen."

71 Menschen, die dem Krieg und dem Leid entfliehen wollten und kurz vor dem Ziel umkamen. 59 Männer, acht Frauen, drei Jungen und ein Mädchen, etwa anderthalb Jahre alt, qualvoll erstickt. Sie starben nicht irgendwo im Mittelmeer, sondern im Herzen Europas. Gefunden wurden sie an der A4 bei Parndorf, 50 Kilometer vor Wien.

Die verwesenden Leichen lagen in einem ausgemusterten Volvo-Kühllaster, in dem zuvor gefrorenes Hühnerfleisch transportiert worden war. Es war am Donnerstag voriger Woche, als ein Mitarbeiter des österreichischen Autobahnbetreibers Asfinag den Lkw an einer Haltebucht entdeckte. Abgestellt wie ein Pannenfahrzeug.

Für Europa wurde die Haltebucht an der A4 zum Ground Zero in der Flüchtlingskatastrophe. Das Grauen war plötzlich nah und plastisch, und wenn dieses schreckliche Ereignis überhaupt etwas bewirken kann, dann das: dass Europa endlich aufwacht aus seiner Erstarrung.

Jeden Tag sterben Menschen durch den Umstand, dass sie erst nach Europa kommen müssen, um den Antrag auf Asyl zu stellen. Und durch die Tatsache, dass sie in dem EU-Land bleiben müssen, in dem sie diesen Antrag ausgefüllt haben, und nicht weiterreisen dürfen. Davon profitieren Schleuser, deshalb können Kriminelle 300 oder 400 Euro für die Tour von Budapest nach Wien in einem überfüllten Transporter oder Kleinlaster verlangen, obwohl ein Zugticket keine 50 Euro kostet.

Flüchtlinge sterben, weil Europa versagt. Doch das Drama geht weiter. Eine Woche nach der Katastrophe an der A4 in Österreich, an diesem Mittwoch, erschienen wieder unfassbare Fotos, diesmal eines syrischen Jungen, der tot an einem Strand liegt. Er ertrank während der Überfahrt zur griechischen Insel Kos, auch seine Familie hatte sich Schleusern anvertraut.

All das zeigt, wie groß die Verzweiflung der Flüchtlinge ist und wie unbändig die Gier und Risikobereitschaft derer, denen sie sich anvertrauen. Vieles deutet darauf hin, dass der Tod der 71 im Kühllaster kein geplantes Verbrechen war, sondern ein Versehen der Schleuser, womöglich verursacht durch Unachtsamkeit, Dummheit. Es könnte jederzeit wieder geschehen, das ist die alarmierende Botschaft dieses Falls. Wenn sich nicht endlich etwas ändert.

Denn Hunderte, Tausende überqueren Tag für Tag…

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Nr. 37/2015