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Lämmchen zum Dessert

In Niedersachsen geht die Angst um: Der Wolf ist wieder da. Zwar haben die Räuber dort noch nie einen Menschen verletzt – aber sie töten Schafe. Vom richtigen Umgang mit einem alten Feind.

MARIA FECK / DER SPIEGEL
von
Julia Koch
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Es grenzt an Kitsch, das Bild, das Thomas Rebre abgibt: Ein verschmitztes Lächeln unterm Hut, Typ Charles Ingalls aus "Unsere kleine Farm", so stützt sich Rebre auf seinen Hirtenstab; hinter ihm Schafe, Schafe, Schafe. Leise blökend rupfen seine grauen Heidschnucken das derbe Gras, dann legen sie sich nieder zum Wiederkäuen. Um sie herum springen kohlschwarze Lämmer.

So friedvoll ist Rebres Alltag, dass Sommergäste in der Lüneburger Heide "Schäfertage" bei ihm buchen. Von 11 bis 17 Uhr dürfen sie ihn und Hütehund Köfte begleiten, abends grillt Rebre Heidschnuckenwürstchen.

Das ist die eine Seite.

Die andere bekommen die Touristen nicht zu sehen: Die Schäferei ist ein Knochenjob, 365 Tage im Jahr. Zehn Monate ist Rebre mit Herde und Hunden draußen, bei Frost, Dürre oder Dauerregen; in den Stall geht's nur zur Lammzeit am Jahresbeginn.

Rebre ist Hirte, Geburtshelfer, Fleischvermarkter, Hundetrainer und Landschaftspfleger in einer Person. Seine Freundin Sandra Költsch hilft mit ("Sonst würden wir uns nie sehen"), seinen Bruder hat Rebre vor Kurzem angestellt, damit er mit Sandra auch mal gemeinsam verreisen kann.

"Es ist eine freie Art der Tierhaltung", sagt Költsch. Wer Fleisch von glücklichen Tieren essen will, sollte wohl tatsächlich mehr Schaf zu sich nehmen: Heidegras statt Kraftfutter, offenes Land statt Spaltenboden, und für die Nachwuchsproduktion kommt nicht der Tierarzt mit dem Tiefkühlsperma, sondern im Herbst ein…

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Nr. 28/2015