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Politik

Krieg und Frieden

Die Vereinten Nationen sollen die Welt friedlich machen, doch in der Syrienkrise, der größten Tragödie unserer Zeit, versagen sie. Gelingt dem neuen Generalsekretär, woran bislang noch alle gescheitert sind: die Uno zu reformieren?

RODERICK AICHINGER / DER SPIEGEL
von
Katrin Kuntz
,
Marc Pitzke
,
Maximilian Popp
,
Gordon Repinski
und
Samiha Shafy
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Politik

Die Vereinten Nationen wurden nicht gegründet, um uns in den Himmel zu bringen, sondern um uns vor der Hölle zu retten.

Dag Hammarskjöld, Uno-Generalsekretär, bei einer Rede im Mai 1954

Der Mann, der alle Versuche, den Krieg in Syrien zu beenden, mit einer Handbewegung verhindert hat, sitzt in einem bunkerähnlichen Raum an der 67th Street in Manhattan. Über ihm funkeln Kronleuchter, hinter ihm schlägt eine Pendeluhr, das Mobiliar erinnert an Filme aus der Sowjetzeit. "Ich habe viel darüber nachgedacht, warum wir im Sicherheitsrat dieses Problem mit Syrien haben", sagt Witali Iwanowitsch Tschurkin, 64, Russlands Botschafter bei den Vereinten Nationen. Er lehnt sich in seinem Ledersessel zurück, ein weißhaariger Diplomat mit Ironie im Blick.

Tschurkin ist einer der Männer, die die Welt retten sollen. So aberwitzig es klingt, das ist sein Auftrag: Die 15 Mitglieder des Weltsicherheitsrats, vor allem die 5 ständigen – China, Frankreich, Großbritannien, Russland und die USA –, tragen "die Hauptverantwortung für die Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit", so heißt es in der Charta der Vereinten Nationen, Artikel 24.

Es ist eine heroische Aufgabe, eine idealistische Idee, geboren aus den Trümmern zweier Weltkriege: Die Völker der Erde wollen gemeinsam dafür sorgen, den einen Planeten, den wir haben, zu beschützen. Mit vereinten Kräften wollen die Staaten eine bessere Welt erschaffen, in der alle Menschen in Würde leben können. Die Voraussetzung dafür ist Frieden.

Die Vereinten Nationen und ihr damaliger Generalsekretär Kofi Annan bekamen 2001 den Friedensnobelpreis – für ihren "Einsatz für eine besser organisierte und friedlichere Welt". Es ist auch der Uno zu verdanken, dass ein Atomkrieg bis heute verhindert wurde. Dass Kriegsverbrechern aus dem ehemaligen Jugoslawien der Prozess gemacht wurde. Dass es nun den Pariser Klimavertrag gibt, der die Zerstörung der Welt aufhalten soll.

Was aber seit gut fünf Jahren in Syrien geschieht, ist das Gegenteil von Frieden – eine Art Weltkrieg auf syrischem Boden. Er stellt alles infrage, wofür die Uno steht. Unerträglich sind die Bilder, die Hilferufe, die unschuldige Männer, Frauen und Kinder aus diesem Krieg über Facebook und Twitter in die Welt senden – und doch schaut die Welt zu, als wäre das alles nur ein besonders langer Horrorfilm.

Die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats tragen eine besondere Verantwortung für die Lage in Syrien, denn sie können mit einem Veto alle Friedensbemühungen blockieren – es genügt, dass einer ihrer Vertreter die Hand hebt. Dann gibt es keine Flugverbotszonen, keine politische Lösung, keine von der Uno veranlasste Intervention.

Sechsmal hat der Russe Tschurkin seit 2011 die Hand gegen eine Syrienresolution gehoben, fünfmal gemeinsam mit dem Botschafter Chinas, zuletzt Anfang Dezember – da verhinderten sie eine Feuerpause in Aleppo. Wochen später, als auch das letzte Krankenhaus im Rebellengebiet zerbombt war, einigte sich der Sicherheitsrat darauf, Beobachter zu entsenden. Doch bislang traf kein einziger Beobachter in Ostaleppo ein.

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Nr. 2/2017