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Gesellschaft

Krieg der Stars

Die Filmindustrie trifft sich zum Oscarritual, doch in Hollywood ist nichts mehr, wie es vor dem Weinstein-Skandal und der #MeToo-Bewegung war. Bericht aus einer Branche am Rande des Nervenzusammenbruchs.

ROBERT GALLAGHER / DER SPIEGEL
von
Philipp Oehmke
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Gesellschaft

1. Schuyler Moore kann Weinstein nicht retten – Der Kampf der Agenturen eskaliert – Auf #MeToo folgt "Time's Up" – Und bald ist Oscarnacht

In einem der Türme an der Avenue of the Stars – so heißt diese Straße wirklich – steigt Schuyler Moore, den hier alle nur Sky nennen, im 21. Stock aus einem verchromten Fahrstuhl. Es ist später Nachmittag an einem Dienstag zwei Wochen vor der Oscarverleihung, und wenn Sky aus den riesigen Fenstern über ganz Los Angeles hinweg zum Pazifik guckt, kann er die Sonne untergehen sehen.

"Schönes Licht", sagt Sky.

Schuyler Moore ist eine der wichtigsten Hintergrundfiguren in Hollywood. Wenn es bei einem Deal kompliziert wird, dann ist Sky dabei. Er ist Rechtsanwalt und Teilhaber in der Großkanzlei Greenberg Glusker. Sky handelt Verträge aus für Produzenten und Filmverleiher, er macht Finanzierungen für große Filmprojekte möglich, und wenn irgendwo in Hollywood ein Firmenverkauf oder -zusammenschluss ansteht, wird er meist von Schuyler Moore betreut.

Doch heute war kein guter Tag.

Sky vertritt auch die Weinstein Company.

In den letzten Wochen hat er versucht, die Firma des skandalgeschüttelten Filmproduzenten Harvey Weinstein vor der Insolvenz zu retten. Er hat Käufer gesucht, er hat versucht, einen schon fertigen Film, der unter Weinsteins Namen nicht mehr erscheinen kann, an andere Verleiher zu verkaufen. Sky hat all seine Kontakte eingesetzt, er stand kurz vor dem Abschluss, er war zufrieden.

Weil er Harvey Weinstein gerettet hat?

Sky lächelt gequält, seine Augen bleiben unbewegt stählern. Will man ihm etwa mit Moral kommen? Er trägt einen groben Wollpullover – die Großkanzlei-Uniform, den teuren, schmal geschnittenen Anzug, hat er nicht mehr nötig. Das Treffen mit ihm findet relativ spät in der Recherche statt, nach vielen anderen Treffen mit Leuten aus Hollywood. Sky ist der Erste, der nicht sofort auf Distanz zu Weinstein geht.

In den Wochen zuvor hat der SPIEGEL mit rund zwei Dutzend Hollywood-Insidern gesprochen, mit Bewohnern dieser seltsamen Welt, deren Gesetze gerade neu geschrieben werden. Mit Frauen wie der Kameraassistentin Cheli Clayton, die plötzlich die Hand des Regisseurs Oliver Stone an ihrem Genital spürte und hier ihre Geschichte erzählt. Mit der Schauspielerin Rose McGowan, Chefanklägerin von Harvey Weinstein, die sich auf einem Vernichtungsfeldzug befindet und deutlich mehr Leute mit in den Abrund reißen könnte als nur Weinstein. Mit Schauspielagenten, die sich ihrer faulen Äpfel entledigt haben und nun von der Revolution profitieren wollen. Mit Reportern, die dem nächsten Weinstein nachspüren, denn ein Ende ist nicht in Sicht. Oder mit denen, die von diesen Ermittlungen betroffen sind, wie der Schauspieler Andy Dick, und die manchmal keine Chance haben, sich zu verteidigen. Mit den Skeptikern, die warnen, Hollywood gehe zu weit mit seinem Geschlechterwahnsinn. Und schließlich mit den Anwälten, die am Ende die Trümmer wegräumen.

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Branchenanwalt Moore: „Wir haben hier drei Probleme“

So wie Schuyler Moore. Der jetzt sagt, es sei ihm nie darum gegangen, Weinstein zu retten. Es gehe darum, die Firma zu retten, großer Unterschied, denn nur dann stünden beispielsweise Entschädigungsgelder für die Opfer zur Verfügung, und das wollten wir doch alle, oder?

Doch Sky konnte die Weinstein-Firma nicht retten. Zwei Tage vor dem Treffen, die Kaufverträge waren unterschriftsreif, hat der Justizminister des Staates New York, Eric Schneiderman, Anklage erhoben gegen die Weinstein Company. Eine Firma, gegen die ein Verfahren läuft, kann man nicht verkaufen.

Das hieße Insolvenz. Sky zuckt mit den Schultern. Er hat schon viel Bullshit gesehen. Wie viele vermögende und mächtige Männer pflegt er ein verwegenes Hobby, das auf den ersten Blick nicht zu ihm passt. Sky rast mit Rennmotorrädern durch die Gegend. Circa 20 schwere Stürze hat er überlebt. Er zieht das rechte Bein ein bisschen nach.

"Der New Yorker Justizminister möchte als Gouverneur kandidieren", sagt Sky. "Es gibt gerade kein besseres Thema, mit dem man sich profilieren kann." Selbst wenn es…

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Nr. 9/2018