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Kosmischer Lauschangriff

Erstmals ist es Forschern gelungen, Gravitationswellen zu messen, winzigste Dellen in der Raumzeit, ausgelöst vom Crash zweier schwarzer Löcher. Das Spektakel erschütterte das Universum – und unser Verständnis vom All.

FRANZ BISCHOF / DER SPIEGEL
von
Marco Evers
und
Johann Grolle
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Hannover, 14. September 2015, ein regnerischer Montag. Ungarn macht die Grenze zu Serbien dicht, Novak Djoković gewinnt die US Open – und im Albert-Einstein-Institut in der Callinstraße sitzt Marco Drago vor dem Rechner. Der 33-jährige Physiker aus Padua in Italien, seit einem Jahr in Deutschland, hat sich vorgenommen, eine drängende Forschungsarbeit endlich zu Papier zu bringen. Und um 12.30 Uhr würde er, wie jeden Tag, mit den Kollegen seiner Arbeitsgruppe zum Mittagessen gehen.

Doch natürlich kommt alles anders.

Es ist kurz vor zwölf Uhr, da leuchtet auf Dragos Bildschirm eine E-Mail auf. Drago liest – und staunt. Kein Mensch hat sie geschrieben, sondern ein hochkomplexes Messinstrument in den USA namens Ligo (Laser Interferometer Gravitational-Wave Observatory), das die hannoverschen Max-Planck-Forscher mitkonstruiert haben. Der Inhalt dieser Mail verändert alles: Dragos Tagesprogramm, seine Karriere, vor allem aber unser Verständnis vom Universum.

Das Erste, was Drago denkt, ist: Messfehler! Die Daten in der E-Mail erscheinen einfach zu perfekt. Sie künden davon, wie weit, weit weg ein schwarzes Loch ein anderes frisst, und dieses kosmische Großereignis hinterlässt im Ligo-Detektor eine Datenspur, die "sogar mit dem bloßen Auge sichtbar ist", erzählt Drago. "Wow", sagt er zu sich, "das sieht wirklich echt aus."

Er prüft, ob der Detektor richtig arbeitet. Über die vergangenen Jahre wurde er mit Millionenaufwand verbessert und feinjustiert. Gerade erst nahm er die Arbeit wieder auf. An diesem 14. September läuft er noch im Probebetrieb, offiziell starten die Messungen erst vier Tage später. Wie kann das sein – ein Volltreffer noch vor Beginn?

Drago sucht Rat im Büro seines Kollegen Andy Lundgren, 37, aus den USA. Der glaubt zunächst: Hier legt uns doch wieder jemand rein. Das war tatsächlich schon einmal passiert, fünf Jahre zuvor. Damals waren die Messdaten Teil einer Übung für den Ernstfall, einem Feueralarm gleich, was die Forscher allerdings erst Monate später erfuhren.

Lundgren ruft in Amerika an, um nachzufragen, ob gerade jemand am Instrument herumfummelt.…

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Nr. 7/2016