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Politik

Klimawandel

Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl muss Kanzlerin Angela Merkel um ihre Macht fürchten. Mit Martin Schulz ist ihr ein gefährlicher Gegner erwachsen. Der SPD-Mann versprüht jene Begeisterung, die der Union und der Kanzlerin fehlt.

TIM WEGNER / DER SPIEGEL
von
Melanie Amann
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Matthias Bartsch
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Sven Böll
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Anna Clauß
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Christiane Hoffmann
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Horand Knaup
,
Ralf Neukirch
,
Martin Pfaffenzeller
,
René Pfister
,
Sophia Schirmer
,
Barbara Schmid-Schalenbach
und
Steffen Winter
Lesezeit 21 Min
Politik

Im November 1998 gab Angela Merkel der Fotografin und Autorin Herlinde Koelbl ein Interview. Merkel befand sich an einem Wendepunkt ihres Lebens, sieben Jahre lang hatte sie im Kabinett von Helmut Kohl gesessen, plötzlich war die Macht weg. Der Alte hatte nicht sehen wollen, dass die Deutschen seiner überdrüssig geworden waren, nun saß die CDU in der Opposition.

Merkel hatte noch Glück, der neue CDU-Chef Wolfgang Schäuble machte sie zur Generalsekretärin. Doch damals nahm sie sich vor, nicht so zu enden wie Kohl.

"Ich möchte irgendwann den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Politik finden", sagte sie in dem Gespräch mit Herlinde Koelbl. "Das ist viel schwerer, als ich mir das früher immer vorgestellt habe. Aber ich will kein halb totes Wrack sein, wenn ich aus der Politik aussteige, sondern mir nach einer Phase der Langeweile etwas anderes einfallen lassen."

Hat Merkel den richtigen Zeitpunkt verpasst? Ist sie in die Kohl-Falle getappt?

Am vergangenen Montag saß Merkel in der Münchner CSU-Zentrale und machte ein Gesicht, als müsste sie ihrer eigenen Beerdigung beiwohnen. Neben ihr Horst Seehofer, der nach Monaten des quälenden Hinhaltens erklärte, dass die CSU nun doch hinter einer neuerlichen Kandidatur Merkels stehe.

Er sprach:

"Ich ... äh ... darf als Parteivorsitzender der CSU Ihnen ... äh ... mitteilen, dass ...äh ... ich ... äh, äh ... mit Zustimmung meines Parteivorstandes und heute auch mit Zustimmung meines Präsidiums ... äh ... der Bundeskanzlerin Angela Merkel die Unterstützung ... äh, äh ... der CSU für den anstehenden Bundestagswahlkampf für ihre Kandidatur als Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland erklärt habe, mit ... äh, äh ... erkennbarer ... äh, ... anhaltender Zustimmung ...äh ... beider ... äh ... Präsidien."

Es war die freudloseste Ouvertüre eines Wahlkampfs der jüngeren deutschen Geschichte. Wenn die Kampagne der Union so ruckelt wie Seehofers Worte, dann kann Merkel ihrem Herausforderer Martin Schulz gleich die Schlüssel zum Kanzleramt übergeben.

Was für eine Wende! Noch vor drei Wochen sah es so aus, als sei die einzig interessante Frage des Bundestagswahlkampfs, wie hoch die SPD gegen Merkel verliere und ob sie sich danach in die Opposition trolle. Fast alle Sozialdemokraten erwarteten, dass Sigmar Gabriel die Partei in den Wahlkampf und damit in die sichere Niederlage führen würde. Dann aber zog der Parteichef selbst die Notbremse. Nun wirken die Sozialdemokraten wie befreit.

Geht die Ära Merkel zu Ende? Gibt es eine Wechselstimmung? Noch sind die Zahlen nicht eindeutig, und Umfragen sind keine Wahlergebnisse, das weiß man spätestens sei dem Sieg von Donald Trump. Doch die politische Stimmung im Land dreht sich, das sieht man selbst bei Merkels Leuten so: "Der Trend ist eindeutig." Er ist auf der…

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Nr. 7/2017