Lesezeit 15 Min
Politik

„Klare Kante“

Kanzlerkandidat Martin Schulz über die Wut vieler Deutscher auf die etablierten Parteien und den richtigen Umgang mit autoritären Politikern

HERMANN BREDEHORST / DER SPIEGEL
von
Klaus Brinkbäumer
,
Michael Sauga
und
Veit Medick
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Politik

Dienstagmorgen, zehn Uhr. Im Berliner Willy-Brandt-Haus stehen an jeder Ecke Willy-Brandt-Statuen: die eine große, viele kleine. Martin Schulz, 61, kommt in sein Vorsitzenden-Büro, das so aussieht, wie es aussah, als es noch Sigmar Gabriels Vorsitzenden-Büro war. Im Bücherregal der Brockhaus. An der Wand Fotos von Brandt, Rau, Schröder.

Bevor es losgeht, muss Schulz schnell noch einen Brief unterschreiben. An die Kanzlerin. Der Kandidat will ein zweites TV-Duell. Er liest die Zeilen, setzt seinen Namen darunter und wedelt mit dem Schreiben. "Persönlich zustellen", ruft er seinem Mitarbeiter zu. Am Tag zuvor hat er vier wesentliche Anliegen der SPD formuliert: sichere Rente, bessere Bildung, Lohngleichheit für Frauen und Männer und mehr Europa. "Da geht noch was", sagt er über den Wahlkampf. Ausgeruht und ausgeschlafen sei er in diesen letzten Tagen vor der Wahl gewiss nicht, aber kämpferisch und gut gelaunt, das noch immer.


SPIEGEL: Herr Schulz, können Sie uns verraten, was Sie gestern Abend in Ihr Tagebuch geschrieben haben?

Schulz: Das war wie immer eine ganze Seite. Im Wesentlichen habe ich die Pressekonferenz rekapituliert, bei der ich unsere vier Kernanliegen genannt habe, die wir Sozialdemokraten nach der Wahl durchsetzen wollen. Und dann habe ich einen privaten Teil eingetragen. Aber das lass ich jetzt mal raus aus diesem Gespräch.

SPIEGEL: Sie machen das tatsächlich jeden Tag? Immer eine Seite?

Schulz: Ja, seit 37 Jahren. Schade, das Tagebuch liegt jetzt im Hotel. Ich kann es aber mal holen lassen, dann kann ich es Ihnen zeigen.

SPIEGEL: Schildern und bewerten Sie nüchtern – oder beschreiben Sie Ihre Gefühle?

Schulz: Wenn es bei solchen Ereignissen einen besonderen Moment, einen besonderen Augenblick gibt, dann halte ich den inhaltlich fest. Gestern habe ich eingetragen, dass ich mir Mühe geben musste, mich…

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Nr. 38/2017