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Kill your darlings!

In Stuttgart wurde einst das Automobil erfunden. Nirgendwo anders im Land lassen sich die Folgen besser besichtigen: Die Stadt erstickt an Abgasen und Verkehr. Es wäre an der Zeit, Dinge grundsätzlich zu ändern. Wenn das nur nicht so schwierig wäre.

BERTHOLD STEINHILBER / DER SPIEGEL
von
Jan Friedmann
und
Lothar Gorris
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Natürlich ist es unfair, eine Geschichte über Stuttgart in Sindelfingen zu beginnen. Ausgerechnet Sindelfingen, sehr sauber, sehr schwäbisch, 64 000 Einwohner. Der Verwaltungsjargon nennt solche Städte Mittelzentren, was klingt wie nur mittelgut, also schlecht. In den Achtzigerjahren galt die Stadt als reichste Kommune Europas. Zebrastreifen auf den gepflasterten Straßen im Zentrum markierte man mit weißem Marmor aus Carrara, worüber sich der Rest des Landes lustig machte. Der Hedonismus der alten BRD. Herrje, hatten wir es gut.

Ausgerechnet hier erforscht Marianne Reeb seit drei Jahren die Zukunft. Sie ist Professorin für Kulturarbeit und leitet bei Daimler die Abteilung "Future, Life, Mobility", was auch auf Deutsch nicht besser klingt. Früher hatte sie ihre Denkfabrik in Berlin am Potsdamer Platz, nun ist sie in einem Gewerbegebiet untergebracht, an einer vierspurigen Straße, die zum Daimler-Werk Sindelfingen führt und wo jeder Zebrastreifen überflüssig ist, weil kein Mensch zu Fuß geht. Das Bürogebäude, weiß und wuchtig, Eingang durch die Parkgarage, nennt sich Haus der Mode, in dem Textilfirmen ihre neuesten Kollektionen vorführen. Mittags kommt pünktlich ein Daimler-Bus und bringt die Denkarbeiter in die Werkskantine. Frau Reeb sagt, dass beim Daimler keine Büros frei gewesen seien. Vielleicht ist Sindelfingen gar kein so schlechter Ort, sich eine bessere Zukunft vorzustellen.

Ihre Arbeit besteht darin, aus dem Verhalten der Menschen herauszulesen, was neue Technologien und gesellschaftliche Trends in 15 Jahren aus ihnen machen werden. Es gab Zeiten, da wurden Futurologen als Spinner betrachtet, die zu viele Science-Fiction-Comics gelesen hatten. Aber im Jetzt des Silicon Valley lässt Tesla-Gründer Elon Musk Hyperloops testen, Röhrenbahnen, in denen Fahrgäste schneller als im Flugzeug von Stadt zu Stadt geschossen werden sollen. Alles ist möglich.

Auf der Automobilausstellung in Frankfurt wird Frau Reeb sogenannte Zukunftsbilder präsentieren, Visionen für ein paar ausgesuchte Metropolen. Stuttgart, nun ja, ist auch dabei, die Heimat des Daimler-Konzerns, wo vor 130 Jahren das erste Automobil mit vier Rädern erfunden wurde. Die Autohauptstadt Deutschlands, die so wohlhabend ist wie kaum eine andere deutsche Metropole, dank Daimler, Porsche und Bosch, und gleichzeitig am meisten darunter leidet, was sie selbst erschaffen hat. Die dreckigste Luft, die meisten Staus. In Stuttgart hat Gottlieb Daimler schon einmal die Zukunft entworfen, nun muss es ein zweites Mal geschehen. Sagen alle. Industrie. Politik. Gewerkschaften. Bürger. Niemand will enden wie Detroit. Aber wie?

Reebs Animation sieht aus wie eine Zukunftsillustration aus den Schulbüchern unserer Kindheit. Die Farben warm, der Himmel blau, die Bäume grün. Sie zeigt die größte Kreuzung Stuttgarts: Dort, wo heute Autos um jeden Millimeter kämpfen, sollen Menschen auf der Straße Kaffee trinken. Der Massenverkehr findet unter der Erde statt, fahrerlose U-Bahnen und Autos, dicht an dicht. Oben eine Seilbahn für den Transport von Menschen und Waren. Ein Auto hält an, der Mann darin liest Zeitung, während das Robocar einen Zebrastreifen auf die Straße projiziert, damit ein Fußgänger hinüberkann. Selbstfahrende Kehrmaschinen säubern den Bürgersteig. Ein Hochhaus wird zum Urban Farming benutzt. Kein einziger Polizist ist zu sehen, keine Ampel. Eine Welt ohne Regeln, eine Welt der Kooperation, in der Menschen und Maschinen miteinander kommunizieren. Eine Welt ohne Luftverschmutzung,…

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Nr. 32/2017