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Keine Waffe

Als Jugendlicher spielte Sergej Evljuskin zusammen mit Boateng, Özil und Höwedes für Deutschland. Er war ihr Kapitän, bekam einen Profivertrag und hatte eine große Karriere vor sich. Warum kickt er heute in der vierten Liga?

CHRISTIAN A. WERNER / DER SPIEGEL
von
Detlef Hacke
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Alles da, was ein Fußballspiel so ausmacht: Das Flutlicht erhellt den Rasen in der Abenddämmerung, die sich über das Stadion legt, Fans schwenken in der Kurve überdimensionale Fahnen zu ihren Gesängen, aus den Lautsprechern dröhnt Rockmusik. Auf der Tribüne lassen sich Männer mit Bierbechern in den Sitzschalen nieder, die Reporter klappen ihre Laptops auf. Die Mannschaften laufen ein, Kinder an der Hand, Jubel im Ohr.

Mit der Nummer 15 trabt herein: Sergej Evljuskin, mittelgroß, weißes Trikot, rote Hose. Er galt als "das größte Mittelfeldtalent Deutschlands", sein Trainer nannte ihn "Kaiser", weil er wie einst Beckenbauer sein Team zu lenken verstand.

Evljuskin läuft an diesem Mittwochabend nicht in der Champions League auf, sondern im spärlich besetzten Auestadion, der Spielstätte seines Vereins KSV Hessen Kassel, gegen den FC Homburg in der Regionalliga Südwest. Vor 1500 Zuschauern. Seine Teamkollegen heißen nicht – wie früher in der deutschen Juniorenauswahl – Jérôme Boateng, Mesut Özil und Benedikt Höwedes, sondern Marco Dawid, Henrik Giese und Steven Rakk. Sie rufen ihn "Siggi", keiner nennt ihn mehr "Kaiser".

Evljuskin ist jetzt 28 Jahre alt. Wenn Journalisten nach Worten suchen, um seinen Werdegang zu etikettieren, urteilen sie, er habe sein "Talent verschenkt", sei "stecken geblieben" und "heute ein Niemand". Es sind vernichtende Wörter.

Obwohl er bereits mit 18 seinen ersten Profivertrag unterschrieben hatte, beim VfL…

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Nr. 41/2016