Lesezeit 14 Min
Gesellschaft

Kein Problem. Alles gut.

Die Muatis aus Syrien sind eine von Hunderttausenden Flüchtlingsfamilien. Sie lieben Regeln, Regen, Rasenmähen. Sie möchten deutscher sein als viele Deutsche.

PHILIPP SCHMIDT / DER SPIEGEL
von
Claas Relotius
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Gesellschaft

Es war ein Morgen im Mai, Yusra Muati lag in einer deutschen Arztpraxis, ihr Mann Adel hielt ihre Hand, als sie erfuhren, dass sie um das neue Leben, das ihre Familie in diesem Land erwartet, fürchten müssen.

Die Ärztin, eine Frau in weißer Bluse, fuhr mit einem Ultraschallgerät über den Bauch der Mutter, auf einem Bildschirm markierte sie einen winzigen Kopf, zwei Hände und zwei Füße. Nach einer Weile sprach sie drei Wörter aus, die Adel und Yusra Muati in Deutschland nie zuvor gehört hatten. Sie sprach von Chromosomen, Trisomie und einem Herzfehler.

Die Eltern sahen auf den Bildschirm, sie verstanden, dass die Ärztin etwas von Auffälligkeiten sagte. Dann erklärte sie ihnen, langsam, in einfachen deutschen Sätzen, dass ihr Kind behindert oder krank sein könnte. Dass es, auch wenn sie sich für die Geburt entschieden, vielleicht nicht stark genug sein werde, die Geburt zu überleben.

An einem Abend im Juli, zwei Monate danach, sitzen Adel Muati, 44, ein Mann mit rundem Bauch, und Yusra Muati, 38, eine Frau mit Kopftuch und wachen blauen Augen, auf einem Sofa in ihrem Wohnzimmer in Hamburg-Billstedt. Die Ärztin in der Praxis, erzählen sie, habe ihnen geraten, das Fruchtwasser untersuchen zu lassen, aber sie sehen darin keinen Sinn. Yusra Muati ist jetzt im sechsten Monat schwanger, ihr Bauch unter den Kleidern zu erkennen. Sie streichelt ihn und sagt, sie habe gehört, dass die meisten Deutsche ein behindertes Kind nicht haben wollten, aber sie würden ihres auf jeden Fall bekommen. "Wir haben den Krieg überlebt", sagt die Mutter, "wie können wir es hier, in Sicherheit, nicht leben lassen?"

Neben ihnen, auf dem Sofa, sitzen ihre vier Kinder Russlan, 20, Amir, 17, Ghofran, 13, und Youssef, 7, im Fernsehen läuft die "Tagesschau", Nachrichten über Bombenanschläge in Syrien. Die Eltern sehen brennende Häuser, sie sehen Bilder aus Damaskus,…

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Nr. 31/2017