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Politik

Kalte Füße

Der ungebrochene Zustrom der Flüchtlinge verunsichert die Republik. Viele Kommunen funken SOS, die Regierung ist ratlos. Es wird einsam um die Kanzlerin.

DIETER MAYR / DER SPIEGEL
von
Matthias Bartsch
,
Jan Friedmann
,
Hubert Gude
,
Horand Knaup
,
Ralf Neukirch
,
Conny Neumann
,
René Pfister
,
Christian Reiermann
,
Michael Sauga
,
Christoph Schult
und
Wolf Wiedmann-Schmidt
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Politik

Die Straße vom Bahnhof zum Aufnahmelager in Hesepe ist so etwas wie der Boulevard der Flüchtlinge. In kleinen Gruppen schlendern junge Männer den Bürgersteig entlang. Eine Familie aus Syrien schleppt Einkaufstüten in Richtung Pforte. Ein Sudanese kurvt mit dem Fahrrad in Schlangenlinien. Die meisten sprechen kein Wort Deutsch, sondern nur ein paar Brocken Englisch. Dafür winken sie freundlich, wenn sie Einheimische sehen, und rufen "Hallo".

Auf der Hauptstraße herrsche "Rummel wie in einer Fußgängerzone", sagt ein Anwohner, "nur dass die Läden fehlen". Auf beiden Seiten des Fahrwegs reihen sich rot geklinkerte Einfamilienhäuser mit hübschen Vorgärten aneinander. Kathrin und Ralf Meyer stehen vor ihrem Haus. "Uns ist das alles zu viel geworden", sagt die 31-jährige Mutter von drei Kindern: "zu viel Lärm, zu viele Flüchtlinge, zu viel Müll."

Darum haben die Meyers ihr Haus zum November gekündigt. Sie wollen nicht mehr, dass die Asylsuchenden draußen auf der Mauer sitzen oder in der Mülltonne nach Brauchbarem suchen. Dabei könnten einem "die Leute schon leidtun", sagt ihr Mann. Er habe Kleider, die seinen Kindern zu klein seien, den Flüchtlingen gegeben. "Aber", sagt er, "es sind einfach zu viele hier."

In Hesepe kommen inzwischen etwa 4000 Asylbewerber auf 2500 Einwohner, und so ist der Ortsteil des niedersächsischen Städtchens Bramsche zu einem Symbol für die Flüchtlingskrise in Deutschland geworden. Die Hilfsbereitschaft der Bürger ist noch immer groß, nur leider ist die Zahl der Flüchtlinge noch größer. Vom 5. September bis 15. Oktober meldeten die Länder 409 000 Neuankömmlinge ans Bundesinnenministerium, mehr als jemals zuvor in einem vergleichbaren Zeitraum. Wie viele Doppelmeldungen sich darunter befinden, ist nicht bekannt.

Sechs Wochen nach dem historischen Signal zur Grenzöffnung mangelt es im reichen Deutschland vielerorts am Nötigsten. Feldbetten, Wohncontainer und Chemieklos sind weitgehend ausverkauft, es fehlen Deutschlehrer, Sozialarbeiter und Verwaltungsrichter. In vielen Städten fürchten sich die Verantwortlichen vor dem nahenden Winter, weil Tausende Asylbewerber noch immer in Zelten campieren.

Vor allem aber fehlt ein Konzept, wie Merkels "Wir schaffen das" mit ihrem "Wir können die Grenzen nicht schließen" in Übereinstimmung gebracht werden kann. Denn das ist inzwischen vielen klar, im zweiten Monat der neuen Willkommenskultur: Die Republik schafft es nur, wenn die Zahl der Zuwanderer rasch kleiner wird.

Nur, damit ist vorerst nicht zu rechnen. Auf der sogenannten Balkanroute sind noch immer Zehntausende in Richtung Deutschland unterwegs; zugleich bleibt Merkels Versuch, mithilfe von Diplomatie und schärferem Durchgreifen für Entlastung zu sorgen, ein Versuch. Die EU will zwar ihre Außengrenzen besser sichern, so hat sie auf…

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Nr. 43/2015