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Gesellschaft

„Jetzt bin ich dran!“

Die Tafel in Essen nimmt vorerst nur noch Deutsche auf, die Debatte darüber bewegt das Land. Hier erzählen Helfer und Hilfsbedürftige vom Verteilungskampf.

CARSTEN KOALL / DER SPIEGEL
von
Imre Balzer
,
Matthias Bartsch
,
Annette Bruhns
,
Anna Clauß
,
Lukas Eberle
,
Jan Friedmann
,
Tobias Lill
,
Peter Maxwill
,
Katja Thimm
,
Steffen Winter
und
Jean-Pierre Ziegler
Lesezeit 13 Min
Gesellschaft

Der Mittwochnachmittag dieser Woche, ein Mann ist mit seinem Rollator zur Essener Tafel gekommen. Er hat Gemüse und Obst in seine Tüten gepackt, jetzt macht er vor Töpfen halt, in denen Schnittblumen stehen, Tulpen und Rosen. Der Mann greift sich zwei kleine Sträuße heraus, doch ein paar Frauen, die noch in der Schlange warten, haben aufgepasst: "Nur ein Strauß, nur ein Strauß", rufen sie. Der Mann zuckt zusammen.

Bei der Tafel in Essen wird in diesen Tagen genau hingeschaut, selbst bei den Blumen. Wer nimmt was und wie viel? Und halten sich alle an die Regeln?

Der Verein hat entschieden, vorübergehend nur noch Kunden mit einem deutschen Personalausweis aufzunehmen und mit Lebensmitteln zu versorgen, die von Supermärkten und Restaurants gespendet wurden. Die Begründung: Der Anteil der Ausländer unter den Bedürftigen sei zuletzt auf 75 Prozent gestiegen, das sei zu viel, zudem hätten sich junge ausländische Männer bei der Lebensmittelverteilung rücksichtslos verhalten.

Das hat zu einer bundesweiten Debatte geführt, Spitzenpolitiker aller Parteien äußerten sich. Angela Merkel nannte die Entscheidung des Vereins "nicht gut" und geriet dafür selbst in die Kritik. Die Stimmung bei der Tafel ist angespannt, die Lieferfahrzeuge des Vereins wurden mit Beschimpfungen wie "Nazis" beschmiert. Mitte der Woche entschied der Vereinsvorstand, vorerst daran festzuhalten, keinen weiteren Ausländern zu helfen.

Muss das sein, darf das sein? Wie ist die Lage andernorts? Kommen manche Hilfsbedürfte zu kurz, sind die Helfer überfordert? Und welche Wege haben andere Tafeln gefunden, um einen Verteilungskampf zu vermeiden?

Norbert Reinartz, 75, sorgt als Türsteher bei der Lebensmittelausgabe in Essen…

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Nr. 10/2018