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Gesellschaft

Jenseits von Eden

Die palästinensische Familie Yassin-Khalout möchte am Nakba-Tag Gaza für immer verlassen und den israelischen Zaun überwinden, der sie von ihrem Dorf Niilya trennt. Es ist der Versuch einer Rückkehr, von der sie seit 70 Jahren träumt.

JONAS OPPERSKALSKI / DER SPIEGEL
von
Alexander Osang
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Gesellschaft

Es wirkt wie ein Zauberwort. Es erhellt Räume. Es gibt allem einen Sinn. Es ist das Ziel. Die Richtung. Die Lösung. Als Yahia al-Khalout das Wort an diesem Nachmittag ausspricht, scheint ein Licht im Innern dieses dunklen Mannes anzugehen. Das Wort ist Niilya.

Khalout ist 55 Jahre alt, er hat einen grauen Schnauzer und schwarze Augen, die die meiste Zeit schauen, als hätten sie in bodenlose Abgründe geblickt. Er sitzt mit einem Dutzend Männer im Rohbau eines Hauses in Dschabalia, dem größten Flüchtlingscamp des Gazastreifens. Draußen regnet es. Die Männer tragen Trainingsanzüge, sie haben sich um ein Bett versammelt wie um eine Opferstätte. Im Bett liegt der schwer verletzte Sohn von Yahia al-Khalout. Er heißt Abdullah und ist 23 Jahre alt; er ist blass und in eine flauschige, farbenfrohe Decke gehüllt. Er wurde beim Protest am Grenzzaun zu Israel von einer Kugel getroffen. Abdullah ist noch zu schwach. Deswegen erzählt sein Vater die Geschichte seines Überlebens. Sie klingt wie eine Ballade. Ein Partisanenlied.

Das geht so: Am Morgen des ersten »Marsches der Rückkehr« machen sich drei Freunde auf den Weg an den Zaun. Die Sonne ist gerade aufgegangen. Sie haben eine palästinensische Fahne dabei. Alle drei sind Anfang zwanzig. Es geht nach Hause. Ins Heimatland, von dem sie wissen: Es ist wunderschön. Jeden Freitag wollen die Palästinenser von nun an in einer friedlichen Demonstration auf ihre Lage in Gaza aufmerksam machen, wo es an allem mangelt. An Lebensmitteln, Wasser, Arbeit, Freiheit. Die Freitagsmärsche sollen sie immer dichter an den Grenzzaun zu Israel führen, am 15. Mai dann, Nakba, dem schwarzen Tag des palästinensischen Volkes, werden sie den Zaun erreichen. Wie es von da aus weitergeht, kann niemand sagen, aber die drei Männer machen einen Anfang.

Als sie 200 Meter vom Zaun entfernt sind, fällt der erste Schuss. Er trifft den Fahnenträger ins Bein. Der Nächste hebt die Fahne, läuft ein Stück und wird ebenfalls ins Bein getroffen. Nun nimmt der dritte Mann die Fahne Palästinas und trägt sie weiter. Das ist Abdullah al-Khalout. Der Schuss des israelischen Snipers trifft ihn in die Brust. Sie bringen ihn ins Indonesische Hospital im Norden Gazas, wo sein Vater als Pfleger arbeitet. Yahia al-Khalout behandelt gerade einen Jungen, als er sieht, wie sein blutender Sohn in die Notaufnahme getragen wird. Abdullah hat starke innere…

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Nr. 19/2018