Lesezeit 23 Min
Gesellschaft

„Jeder stirbt nur einmal“

Sie pöbeln, sie hetzen, sie drohen mit Mord: Getreue des türkischen Präsidenten Erdoğan greifen Andersdenkende in Deutschland an. Warum sich Erdoğan-Kritiker mit türkischen Wurzeln auch hierzulande nicht frei fühlen können.

DMITRIJ LELTSCHUK / DER SPIEGEL
von
Jörg Diehl
,
Katrin Elger
,
Martin Knobbe
und
Maximilian Popp
Lesezeit 23 Min
Gesellschaft

Can Dündar zögert. Er schaut sich um, sein Blick wandert durch den Raum, ehe er das Café in Berlin-Mitte betritt. "Sorry", sagt er. "Routine."

Dündar ist der bekannteste Kritiker der türkischen Regierung. Er hat als Chefredakteur der Tageszeitung "Cumhuriyet" einen Artikel über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an Extremisten in Syrien veröffentlicht. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan stellte Strafanzeige gegen ihn, Dündar saß mehrere Monate lang in Untersuchungshaft. Im Sommer 2016 floh er nach Berlin, doch sicher fühlt er sich auch in Deutschland nicht.

Jeden Tag erhält er Drohungen – über E-Mail, Twitter, Facebook. Anhänger Erdoğans beschimpfen ihn als Terroristen oder als Agenten des deutschen Bundesnachrichtendienstes. "Ich werde wohl nie wieder ganz ohne Angst leben können", sagt er.

Der Journalist verlässt seine Wohnung nur noch selten, er besucht überwiegend Cafés und Restaurants, die er kennt. Er hat sich ein Auto gekauft. Er wollte nicht länger mit dem Taxi fahren, nachdem türkischstämmige Fahrer ihn mehrmals beleidigt und bedroht hatten.

Dündar hat in Berlin ein deutsch-türkisches Nachrichtenportal gegründet, er kritisiert die türkische Regierung weiterhin. Für Erdoğan ist er damit ein Staatsfeind, der sich mit den Deutschen gegen die Türkei verschworen habe. Im türkischen Fernsehen wurde darüber diskutiert, ob es nicht besser wäre, ihn von Agenten im Ausland umbringen zu lassen. Sein Nachrichtenportal hat er "Özgürüz" genannt, das bedeutet "Wir sind frei". Dabei fühlt sich Dündar auch in Deutschland längst nicht mehr frei.

Die Angriffe würden zum Teil aus Ankara und vom türkischen Geheimdienst gesteuert, glaubt Dündar. Vor einigen Monaten sprach der Moderator eines türkischen Fernsehteams vor Dündars Berliner Redaktion in die Kamera: "Hier ist das Nest der Verräter." In einem im Internet veröffentlichten Video sitzt Dündar allein in einem Café. Jemand kommt auf ihn zu und sagt: "Sind Sie nicht der Vaterlandsverräter Can Dündar?" Auf den Facebook-Seiten von Erdoğan-Fans wurde das Video mehr als 20 000-mal angeklickt. Darunter stehen Kommentare wie "Runter vom Stuhl und die Fresse polieren, bis der Dünndarm = Dündar verblutet". Oder: "Einen türkischen Namen verdient dieser Hausköter nicht. Klar würde man ihm gerne eine schallern aber lieber nicht vor so vielen Zeugen."

"Wie soll man sich da sicher fühlen?", fragt Regierungskritiker Dündar.

Diese Frage stellen sich derzeit viele Türken, die Erdoğan kritisch sehen, nicht nur prominente Regimegegner wie Dündar oder der Kölner Schriftsteller Doğan Akhanlı. Der deutsche Staatsbürger wurde im Spanienurlaub verhaftet, weil die Türkei ein Festnahmeersuchen gegen ihn an die internationale Polizeibehörde Interpol übermittelt hatte. Spanische Richter lehnten die Auslieferung ab. Als Akhanlı im Oktober endlich wieder deutschen Boden betrat, traf er am Düsseldorfer Flughafen zuerst auf einen pöbelnden Türken. Der Mann drohte Akhanlı, er sei auch in Deutschland nicht sicher.

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Nr. 47/2017