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Gesellschaft

Jagd auf „Iuventa“

Italienische Staatsanwälte beschlagnahmten das Rettungsschiff deutscher Aktivisten. Halfen diese im Mittelmeer nicht nur Flüchtlingen, sondern auch deren Schleppern?

JOSEPH L. HALL / DER SPIEGEL
von
Maria-Mercedes Hering
,
Martin Knobbe
und
Andreas Wassermann
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Gesellschaft

Der Verdacht taucht zum ersten Mal am 10. September 2016 auf, etwa 15 Meilen vor der libyschen Küste. Das Schiff "Iuventa" des Berliner Vereins "Jugend rettet" ist auf dem Mittelmeer unterwegs. Die freiwilligen Helfer aus Deutschland suchen nach überladenen Schlauchbooten und Holzkähnen. Viele Flüchtlinge haben sich an dem Tag auf den Weg von Nordafrika nach Europa gemacht, bis zum Abend rettet die Besatzung der "Iuventa" 372 Menschen aus dem Wasser.

Auch die "Vos Hestia" ist unterwegs, ein Schiff, das die Organisation Save the Children für ihre Rettungseinsätze gechartert hat. Mit an Bord sind Vittorio Nuncio(*) und Paolo Pinelli(*). Sie arbeiten für die italienische Firma IMI Security Service und sollen das Schiff und seine Besatzung beschützen. Doch ihr Interesse gilt an diesem Donnerstag nur der "Iuventa".

Pinelli blickt auf das Radargerät der "Vos Hestia". Ihm fällt auf, dass die "Iuventa" auffallend oft der libyschen Küste näher kommt. Als sich später die "Vos Hestia" in der Nähe der "Iuventa" befindet, glaubt Pinelli zu erkennen, wie ein schnelles Schlauchboot "mit zwei dunkelhäutigen Männern" von der "Iuventa" wegfährt. Er vermutet, dass es Schlepper sind, die

soeben Flüchtlinge direkt auf das Schiff gebracht haben. Am 24. Oktober 2016 berichten die beiden Männer dem italienischen Auslandsgeheimdienst Aise von ihrem ungeheuren Verdacht. Es ist der Tag, als die Jagd auf die "Iuventa" beginnt.

Die Geschichte dieser Jagd steht für einen politischen Kampf, die Arena ist das Mittelmeer. Auf der einen Seite sind diejenigen, die Flüchtlinge in Seenot retten und nach Italien bringen. Neben den Schiffen von Marine und Küstenwache tummelten sich in den vergangenen Jahren immer mehr privat organisierte Initiativen auf dem Wasser. Viele verbanden ihre humanitären Taten mit politischen Forderungen.

Auf der anderen Seite stehen die, die verhindern wollen, dass Flüchtlinge nach Europa kommen. Im vergangenen Sommer schipperte sogar die rechtsextreme "Identitäre Bewegung" auf dem Meer, ihr Motto: "Europa verteidigen". Die Tour war von Pannen begleitet, doch sie zeigte, wie…

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Nr. 4/2018