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Kultur

Jäger und Jägerin

Die britische Sängerin Anna Calvi fragt auf ihrem neuen Album »Hunter«, was das heißt: Frau sein – oder Mann.

FILIPPO VENTURI / DER SPIEGEL
von
Jurek Skrobala
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Kultur

An einem Nachmittag Ende Juli, Stunden bevor Anna Calvi die Bühne betritt, spaziert sie durch Rimini, vorbei an Schaufenstern und Werbeplakaten, an Models und an deren auffordernden Blicken. Sie selbst wendet den Blick ab. »Das ist einfach überall«, hat sie kurz zuvor gesagt, fast flüsternd. »Als wäre es in der Luft, die wir atmen.«

»Das« – die britische Sängerin, Gitarristin und Komponistin Anna Calvi, 37, meint damit die Welt, in der sie lebt; für sie ist diese Welt eine Männerwelt. Sie sagt: »Als Frau musst du dich beweisen, bevor du respektiert wirst. Als Mann wirst du respektiert, bis du das Gegenteil beweist. Das ist der Unterschied.«

»I'll be your man«, ich werde dein Mann sein, hatte sie selbst zu Beginn ihrer Karriere gesungen. Damals trat Calvi oft in einem Flamenco-Outfit auf, das man nicht klar einem Geschlecht zuordnen konnte. Sie spielt mit den Rollen und mit den Geschlechtern, steht damit in der Tradition von Musikern wie David Bowie, dessen »Aladdin Sane« Calvis erste selbst gekaufte Platte war, oder wie Grace Jones, über deren Album »Nightclubbing« Calvi sagt, es verleihe ihr Stärke. Bowie und Jones waren furchtlose Exzentriker, Künstler, die neue Menschenbilder entworfen haben. Das macht Calvi nicht. Aber sie nimmt diese Bilder auf, arbeitet mit ihnen. Ein Weltstar wie Bowie und Jones ist Calvi deshalb noch lange nicht, aber sie hat schon die richtigen, die entscheidenden Fans. Der Produzent Brian Eno findet, Calvi sei »das Größte…

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Nr. 36/2018