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Wirtschaft

Ivan, der Weihnachtsmann

Zum Fest der Liebe bestellen die Deutschen Millionen von Paketen mit Geschenken an die Haustür. Geliefert werden sie von schlecht bezahlten, überarbeiteten Kurierfahrern aus Osteuropa. Ivan Georgiev ist einer von ihnen.

PATRICK RUNTE / DER SPIEGEL

Es ist Dezember in Deutschland, Adventszeit, Ivan Georgiev fährt zur Arbeit und hofft, dass er die Prüfung bestehen wird, die ihn erwartet. "Es wird schlimm werden, schlimmer als im letzten Jahr", das weiß er, seit die Branchendienste einen neuen Weihnachtsrekord meldeten: 15 Millionen Pakete seien möglich – pro Tag. Das ist eine Zahl, die ihm Angst macht, denn einige Tausend werden im Laufe des Dezembers durch seine Hände gehen: Ivan Georgiev, 39 Jahre alt, Bulgare, ist Kurierfahrer in Deutschland.

Und Weihnachten wird ihn fertigmachen. Er wird von morgens bis abends durch seine Viertel und Siedlungen kurven, wird Treppen emporsteigen, an Haus- und Wohnungstüren klingeln und Pakete abgeben, am Ende nicht nur samstags, sondern auch sonntags. Er wird Spielzeugeisenbahnen bringen, Krawatten, Drohnen, Seidenschals, Pralinen, Socken, Bücher, Tablets; einfach alles, was am Heiligabend unter dem Baum liegen kann. Ivan Georgiev ist der Weihnachtsmann – einer von Tausenden, die aus dem Osten gekommen sind, um den Deutschen ihre Geschenke zu bringen. Und alle anderen Onlinebestellungen im Rest des Jahres. 3,3 Milliarden Pakete haben sich die Deutschen im Laufe dieses Jahres liefern lassen, auch das ein Rekord.

Georgiev fährt im Großraum Hamburg für einen Subunternehmer des Kurierdienstes DPD, sein Weg führt ihn durch Gewerbegebiete, durch Wohnviertel mit Einfamilienhäusern und schmucken Gärten, er trägt Pakete zu Firmen, zu Häusern und Wohnungen. Das ist sein Beruf, so ernährt er seine Familie. Seine Arbeitstage ziehen sich über zwölf Stunden, mindestens. Seine Arbeitswoche umfasst sechs Tage, normalerweise. Sein monatlicher Lohn: 1500 Euro brutto. Für 70 Stunden in der Woche oder mehr. Das sind ungefähr fünf Euro die Stunde, etwas mehr als die Hälfte des gesetzlichen Mindestlohns.

Diese Bedingungen akzeptiert nur, wer sich in einer Position der Schwäche wähnt. Und wer so fühlt, will seinen Namen nicht im SPIEGEL lesen, deswegen ist Ivan Georgiev ein Pseudonym. Nur unter dieser Bedingung war es möglich, ihn zu treffen, ihn zu begleiten. Wäre er erkennbar, würde er seinen Job mit einiger Sicherheit verlieren. Dabei gehört Georgiev noch nicht einmal zu den Schwächsten unter den Kurierfahrern, und er weiß das. Wenn Georgiev sich aufmuntern muss, und das muss er häufig, sagt er: "Andere haben es noch schlechter getroffen."

Wie zum Beispiel die beiden jungen Männer in…

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Nr. 51/2017