Lesezeit 17 Min
Politik

Im Widerstand

Vor einem Jahr zogen so viele EU-Gegner wie nie ins Parlament ein, darunter vier Abgeordnete aus Österreich, England, Frankreich und Griechenland. Sie wollten Europa von innen angreifen, stattdessen hat Europa sie verändert. Eine Langzeitbeobachtung.

NATALIE HILL / DER SPIEGEL
von
Manfred Ertel
,
Julia Amalia Heyer
und
Christoph Scheuermann
Lesezeit 17 Min
Politik

„Ich muss nix, ich bin frei.“

Barbara Kappel, österreichische FPÖ-Abgeordnete 

Wenn Jonathan Arnott an Europa denkt, sieht er ein seelenloses, bürokratisches Ungetüm. Sofia Sakorafa hat ein Unterdrückungssystem vor Augen, Barbara Kappel ein gescheitertes Wirtschaftsexperiment. Edouard Ferrand sieht in Europa einen Angriff auf alles, was sein Land erreicht hat.

Arnott, Sakorafa, Kappel und Ferrand wurden vor einem Jahr als Abgeordnete ins Europäische Parlament gewählt. Sie sind 4 von 751 und neu in Brüssel. Arnott ist Mathematiklehrer und stammt aus Sheffield in England. Sakorafa war Leichtathletin, bevor sie Politikerin wurde, sie wuchs in Trikala auf, einer Kleinstadt in Griechenland. Kappel promovierte in Wirtschaftswissenschaften und stammt aus einem Tiroler Dorf. Ferrand ist in Lyon geboren und war Vermögensberater in Paris.

Die vier kannten sich nicht vor den Europawahlen im Mai 2014. Sie haben wenig gemeinsam, bis auf eines: Sie sehen sich als Widerstandskämpfer gegen einen gemeinsamen Feind, die EU. Es sind Rechtspopulisten wie der Franzose Ferrand vom Front National, die Österreicherin Kappel von der FPÖ und der Brite Arnott von Ukip. Aber auch linke Radikale wie die Griechin Sakorafa von Syriza. Sie traten an, um Brüssel Macht zu entreißen, etliche Europäer wollen das. Fast ein Drittel der Abgeordneten im Europaparlament gehört zum Anti-EU-Lager, so viele wie noch nie.

Es wird ein chaotisches Jahr für die Union. Die Wahl Jean-Claude Junckers zum Kommissionschef gerät zur Machtprobe, das Parlament wird zur Kampfzone der Populisten. Und das in einem Jahr, in dem Europa vor riesigen Problemen steht: Der Austritt Griechenlands aus dem Euro wird debattiert, Russland führt in der Ukraine Krieg, im Mittelmeer ertrinken Flüchtlinge.

Und mittendrin diese vier Politiker, die der SPIEGEL fast ein Jahr lang begleitet hat. Wie arrangieren sie sich mit einem System, das sie eigentlich ablehnen? Wie viel Einfluss haben sie im Machtapparat der EU? Was können sie verändern? Aber auch: Wie verändert die Arbeit sie selbst?

Dienstag, 1. Juli 2014,…

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Nr. 22/2015