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Politik

Im Wartesaal des Schreckens

Mit der Befreiung der Kleinstadt Tall Abjad haben die Kurden dem "Islamischen Staat" einen schweren Schlag versetzt. Das Gefecht spülte Tausende Flüchtlinge über die türkische Grenze – wie die Familie Addaher.

JODI HILTON / DER SPIEGEL
von
Ralf Hoppe
und
Christoph Reuter
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Politik

Sie kamen über die Grenze, fast ohne Geld, und das wenige, was sie hatten, eingenäht in Selvas Rocksaum, gaben sie rasch aus, für etwas Brot, Tomaten, Zwiebeln. An einer Haustür bekamen sie Matratzen geschenkt, ein paar Decken.

Tagsüber gehen die Kinder nun betteln oder durchsuchen Mülleimer. Wenn sie etwas finden, bringen sie es zu Selva, die untersucht, ob es noch genießbar ist, dann wird geteilt.

Seit fünf Tagen und Nächten sind sie hier, auf der türkischen Seite der Grenze. Abdulrazzak, der Familienvater, Selva, seine Frau, Khadije, die Zweitfrau. Und die sechs Kinder. Die Familie Addaher, geflohen aus Syrien, aus dem Umland der Stadt Tall Abjad, wo ihr Haus hoffentlich noch steht. Geflohen vor dem Krieg.

Es ist später Nachmittag, aber immer noch sengend heiß. Am nördlichen Stadtrand der Grenzstadt Akçakale stehen drei, vier halb fertige Häuser im Rohbau. Das Betonfundament ist fertig, sie haben eine Decke über dem Kopf, nur Wände fehlen. Besser, als im Park zu kampieren, findet Selva, es ist ein Gefühl von Obhut nach einer aufreibenden Flucht.

In der Nacht vom 6. auf den 7. Juni begann die Allianz von kurdischen Kämpfern der Volksverteidigung (YPG) sowie Milizen der Freien Syrischen Armee (FSA) den Angriff auf die syrische Stadt Tall Abjad, in der seit anderthalb Jahren der "Islamische Staat" (IS) geherrscht hatte.

Zwei Tage, erzählt Selva, mussten sie am Grenzzaun ausharren, bei mehr als 30 Grad Hitze, sie und…

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Nr. 27/2015