Lesezeit 26 Min
Wirtschaft

Im Stahlgetwitter

Seitdem Julian Reichelt bei »Bild« das Kommando übernommen hat, ist das Blatt im Kampfmodus. Wie aus einem besonnenen Reporter ein journalistischer Grenzgänger wurde.

URBAN ZINTEL / DER SPIEGEL
von
Isabell Hülsen
und
Alexander Kühn
Lesezeit 26 Min
Wirtschaft

Julian Reichelt war Mitte zwanzig, als Zeta ihn eroberte. "Die Kälte eint unsere klirrenden Herzen", schrieb er im Winter 2005. "Unsere fröstelnden Blicke verstehen sich."

Zeta war sein Hund. Ein Labradormädchen. Reichelt widmete ihr – und sich – im Boulevardableger "Tier Bild" eine Kolumne: "Reichelt streichelt".

Der Leser erfuhr von Zetas Faible für Pasta mit Scampi ("verfressen wedelndes Wunder"). Manchmal rollte sie sich in Reichelts Mantel ("Mein Geruch ist ihre Höhle"). Kränkelte Zeta, war jeder Kilometer zum Tierarzt "ein Kilometer bewusster Liebe". Sitz, Platz. "Pfote diem!"

Zeta ist lange tot, begraben unter einer Eiche. Und Reichelt befehligt heute einen Kettenhund. So hatte Verleger Axel Cäsar Springer seine Schöpfung "Bild" einst bezeichnet. Gestreichelt wurde da noch nie. Doch unter Oberchefredakteur Reichelt ist "Bild" so aggressiv wie lange nicht.

Es wird getrieben und gejagt, mal geht es gegen Hartz-IV-Betrüger, mal gegen ausländische SPD-Mitglieder. Was "Bild" an Auflage verloren hat, macht Reichelt durch Gebrüll wieder wett.

Reichelt ist die Mensch gewordene "Bild". Gerade mal 37 Jahre jung, steht er für einen Boulevardjournalismus, von dem man dachte, dass er selbst dem Springer-Verlag peinlich geworden sei. Reichelt macht es den Kritikern der "Bild" wieder leicht, sie zu hassen.

Nicht nur das Blatt ist im ständigen Kampfmodus, auch der Chefredakteur. Vor allem auf Twitter, wo Reichelt gegen Russland schießt oder gegen den Kinderkanal Kika. Auch mitten in der Nacht. Reichelt im Stahlgetwitter. Recht hat immer nur einer: er. Wer anderer Meinung ist, hat es einfach nicht verstanden.

Die öffentliche Figur mag leicht zu durchschauen sein, als Person ist er ein Rätsel. Deckt sich der wild gewordene Twitterer mit dem Menschen Reichelt? Wie viel ist Pose, wie viel Überzeugung? Und wie schafft es jemand wie er so weit nach oben?

Unter dem Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner ist Axel Springer ein digitales Vorzeigeunternehmen geworden. Der Verlag präsentiert sich als cooles Riesen-Start-up, das Frauen fördert und Führungskräfte auf Entdeckungsreise ins Silicon Valley schickt. Doch Reichelts Aufstieg zeigt, dass der Verlag – vor allem "Bild" – nicht abgelegt hat, was Springer über Jahrzehnte im Innersten prägte: Korpsgeist, Skrupellosigkeit und der unbedingte Wille zur Macht.

"Mach ich gern", mailt Reichelt im Ok-tober, eine halbe Stunde nachdem ihn die Anfrage erreicht hat, ob er sich für ein Porträt begleiten lasse. Die folgenden Monate werden zum Verwirrspiel. Reichelt will. Dann wieder nicht. Plötzlich doch. Manche Termine mit ihm finden statt, andere lässt er ohne Absage platzen. Die Pressestelle bremst.

Der Verlag will einfach nur Ruhe, erst recht nach dem PR-Desaster im Februar, als der Machtkampf zwischen Reichelt und Tanit Koch, der ihm unterstellten Chefin der gedruckten "Bild", eskalierte und mit deren Abgang endete. Springer liebt große Erzählungen, doch jene so schön ersonnene Geschichte von der klugen jungen Frau, die dem Laden ein neues Image geben sollte, hatte kein Happy End.

Berlin, Mitte Dezember. Reichelt steht an der Bar des Springer-Journalisten-Clubs, das Personal gießt nach, kaum dass das Bierglas leer ist. Gerade hat Vorstandschef Döpfner der Presse seine Strategie vorgestellt, in Anwesenheit der Springer-Chefredakteure. Reichelt saß in einer der hinteren Reihen und twitterte.

Der holzvertäfelte Klub im 19. Stock des Verlags ist der heiligste Ort im Haus. Hier oben war einst auch das Büro des Verlegers Axel Springer, mit Blick über die Stadt…

Jetzt weiterlesen für 1,10 €
Nr. 17/2018