Lesezeit 20 Min
Politik

Im Schattenreich

Das Referendum in der Türkei verdunkelt das Leben der Migranten hierzulande. Es schürt Aggressionen unter ihnen und lässt sie den Deutschen fremder werden.

MARC KRAUSE / DER SPIEGEL
von
Laura Backes
,
Matthias Bartsch
,
Anna Clauß
,
Markus Deggerich
,
Jörg Diehl
,
Katrin Elger
,
Jan Friedmann
,
Hubert Gude
,
Martin Knobbe
,
Martin Pfaffenzeller
,
Fidelius Schmid
,
Nico Schmidt
,
Christoph Schult
und
Wolf Wiedmann-Schmidt
Lesezeit 20 Min
Politik

Der Mann mit dem langen schwarzen Vollbart bleibt stehen und dreht sich abrupt um. "Was hast du gesagt?", brüllt er auf Türkisch über die Köpfe der Hamburger Polizisten hinweg. Sein Widersacher auf der anderen Seite des Absperrgitters beugt sich weit über das Metallgeländer und schreit noch einmal: "Du Hund." Hinter ihm skandieren Mitstreiter "Mörder Erdoğan! Mörder Erdoğan!" Sie halten Plakate in die Höhe, auf denen "Hayır" steht – "Nein" zur Verfassungsänderung in der Türkei.

Die liberale Alevitische Gemeinde und andere Organisationen haben zum Protest gegen den Auftritt des türkischen Außenministers Mevlüt ÇavuŞoğlu an der Außenalster aufgerufen. Am späten Dienstagnachmittag haben sich Dutzende versammelt, die die Unterstützer des türkischen Präsidenten ausbuhen.

Der Bärtige ist sichtlich aufgebracht "Der Hund bist doch du!", brüllt er in Richtung der Demonstranten. Und dann: "Bist du Christ oder was?!" Sein wutverzerrtes Gesicht sieht aus, als hätte er gerade einen Kraftausdruck ausgespuckt, der tief unter die Gürtellinie zielt.

Später wird er auf Nachfrage sagen, er habe gar nichts gegen Christen. Aber sie seien schwach, ohne echten Glauben. Sinngemäß sagt er, sie seien lächerlich. "Deutschland geht vor die Hunde. In so einem Land sollen meine Kinder aufwachsen? Der Islamhass ist doch kaum noch zu ertragen." Er ist hier geboren, redet viel, in akzentfreiem Deutsch, und drückt sich gut aus. "Jaaa", sagt er. "Wir sind nicht dumm. Wir verstehen alles, was hier läuft. Auch die deutsche Scheinheiligkeit. Deshalb werden wir bald in die Türkei auswandern."

Er steht neben einem weißen Metallzaun am Eingang zur Residenz des türkischen Generalkonsuls. Menschen mit roten Flaggen strömen in den Vorgarten des eleganten Gebäudes an der Alster, manche haben sich in die Flaggen eingehüllt oder sie um den Kopf gewickelt. Im Haus nebenan blickt ein Nachbar aus dem erleuchteten Fenster. Es ist ein befremdliches Spektakel, das sich den Bewohnern des Stadtteils Uhlenhorst bietet. Zu ihrer rechten Seite die "Erdoğaaan! Diktatööör!"-Rufe der Demonstranten, zu ihrer linken 300 Deutschtürken, die im Chor "Allahu akbar", "Gott ist groß", skandieren.

Die Hamburger werden an diesem Abend Zeugen, wie der türkische Wahlkampf um das Verfassungsreferendum seinem vorläufigen Höhepunkt entgegensteuert. Präsident Recep Tayyip Erdoğan will seine Machtfülle sichern und als Staatschef auch die Regierungsgeschäfte übernehmen. Aber sein Sieg ist keineswegs sicher. Erdoğan wirbt mit großem Einsatz um die Stimmen der Auslandstürken und macht so den Konflikt um die Zukunft der Türkei auch zu einem deutschen Konflikt. Einem Konflikt, der bedrohlich wird und Gräben in der deutschen Gesellschaft vertieft.

Einerseits ist die…

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Nr. 11/2017