Lesezeit 19 Min
Gesellschaft

Im Rausch des Verzichts

Sieben Tage ohne Fleisch, Käse, Leder, Wolle, Milch, Honig – verbunden mit der Frage: Und wenn wir alle Veganer wären? Wo kämen wir da hin?

TIMO ZETT FÜR DEN SPIEGEL
von
Barbara Supp
Lesezeit 19 Min
Gesellschaft

Im Juli hatte ich eine Woche, in der ich mich seltsam benahm. Ich ging zum Optiker und fragte, ob meine Brille vegan sei. Am blauen Jackett knöpfte ich den Lederkragen ab. Ich kaufte mir einen Geldbeutel aus Papier.

Ich hatte mich schon länger gefragt, warum Menschen freiwillig nicht nur auf Fleisch und Käse, sondern auch auf Wolle, Seide, Leder verzichten, aber ich hätte es vermutlich nie ausprobiert. Doch dann war ich auf einer Ernährungstagung in München, auf der Veganer so gründlich beleidigt und für idiotisch erklärt wurden, dass ich beschloss: Jetzt mache ich's, wenigstens eine Woche lang. Jetzt will ich testen, ob das stimmt.

"Is(s)t die Zukunft pflanzlich? Handel und Industrie im Veggie-Fieber" hieß die Tagung, und der Mann, der die Sache der Veganer schmähte, hieß Udo Pollmer, ein Sachbuchautor und Lebensmittelchemiker; ein rundlicher Herr mit Bart und ruppiger Argumentation.

Soja, sagte er, schade der Potenz: "Wenn Ihre Liebste Ihnen Tofu-Bratling serviert, wissen Sie, dass sie die Familienplanung abgeschlossen hat. Jedenfalls mit Ihnen."

Das Karnickel, sagte er, das die zarten Kräutlein fresse, sei kein schönes Vorbild. Es fermentiere seine Nahrung hinten im Verdauungstrakt und könne Eiweiß dort nicht aufnehmen. Es müsse also "jeden Morgen zum Frühstück von seinem Allerwertesten weg eigene Kötel auffressen, um seine Eiweißversorgung im Rahmen einer veganen Kost zu sichern". Also: "Wenn Ihr Lover auch ein Veganer ist, dann können Sie nur hoffen, dass er bei der Morgentoilette eine ernährungswissenschaftlich richtige Entscheidung trifft, bevor er Ihnen den ersten Kuss gibt."

So sprach Pollmer, auf diesem "Symposium Feines Essen und Trinken".

Vor ihm hatte ein schmaler Veganer geredet und zarte Sätze gesagt, er stellte die Frage, warum die Herzen der Menschen für die Tiere so verschlossen seien.

Christian Vagedes, Vorsitzender der Veganen Gesellschaft Deutschland, fand es schön, dass die Wurstfirma Rügenwalder Mühle schon 20 Prozent ihres Umsatzes mit veganer Nichtwurst mache. Die veganisierte Welt werde eine bessere sein, sagte er, und nach der Karnickelrede Pollmers wünschte ich mir, dass der Veganer recht habe, und fand, dass es sich lohne, die Sache zu überprüfen. Eine Sache, die offenbar kein kurzlebiger Trend ist und die das Leben von schätzungsweise einer Million Menschen in Deutschland bestimmt. Ein Leben ohne totes Tier, ohne ausgebeutetes Tier: Geht das überhaupt? Wie fühlt sich das an?

Und wenn das alle machen würden? Wo kämen wir da hin?

1. Tag des Versuchs. Bestes Essen: Nizzasalat in…

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Nr. 35/2016