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Verbrechen

„Im Keller brennt wieder Licht“

Angehörige finden in der Garage eines Verstorbenen eine zerstückelte Leiche. Seitdem setzen Ermittler ein grausiges Puzzle zusammen – und vermuten weitere Opfer.

PETER-JUELICH.COM / DER SPIEGEL
von
Julia Jüttner
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Verbrechen

Manfred Seel wusste, dass er bald sterben würde. Er war abgemagert, Speiseröhrenkrebs, die Diagnose hatte er im November 2013 bekommen. Neun Monate später erlag er der Krankheit, 67 Jahre alt. Wenige Monate zuvor hatte er seine Frau zu Grabe getragen. Welch ein Glück, wird die Tochter später in einer Vernehmung sagen. Die Mutter hätte die Wahrheit über den Vater nicht ertragen können. Noch weniger als sie, die Tochter, selbst.

Es ist eine Wahrheit, die nicht zu ertragen ist. Sie kam ans Licht, als die Tochter nach der Beerdigung des Vaters das Elternhaus entrümpelte, Kleidung und Krempel in Müllsäcke packte. Ihr Verlobter half, er fuhr zu einer Garage, die der Vater angemietet hatte, in einer Sackgasse in Schwalbach im Taunus, einem Ort mit vielen Fachwerkhäusern.

Zwischen Eimern, Leergut und einer eingestaubten Autobatterie standen zwei dieser blauen Plastiktonnen mit schwarzem Deckel und Spannringverschluss, in denen sonst Gefahrenstoffe gelagert werden. Der Verlobte öffnete eine Tonne und erblickte: zwei menschliche Beine, die Füße nach oben, und einen rechten Arm. Er holte seine Lebensgefährtin, aus der Garage alarmierten sie die Polizei. Ein Beamter öffnete die zweite Tonne: Torso und Kopf einer Frau.

Am 11. September 2014 saß Frank Herrmann in seinem Büro im Polizeipräsidium Frankfurt am Main mit Blick auf die Skyline und, weiter rechts, auf den Taunus. Er las eine Rundmail der Polizeistation Hofheim, zuständig für Schwalbach: unbekannte weibliche Leiche.

Bald war die Leiche nicht mehr unbekannt. Die Beamten hatten die Frau schnell identifiziert, da sie trotz Verwesung Fingerabdrücke nehmen konnten. Die Tote war Simone Diallo, zuletzt gesehen im Herbst 2003, damals 43 Jahre alt, Straßenprostituierte im Frankfurter Bahnhofsviertel. Ihre Daten waren im Polizeicomputer gespeichert, sie war wegen kleinerer Delikte aufgefallen, etwa Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Herrmann hatte schon andere Morde an Frankfurter Prostituierten bearbeitet, auch dieser Fall landete bei ihm. „Ich glaubte von Anfang an nicht, dass es um nur einen Mord geht“, sagt er. Simone Diallo war auf derart grausame Weise zu Tode gekommen, dass es nahelag, von einem Serientäter auszugehen.

Herrmann sitzt wieder in seinem Büro in Frankfurt am Main. Er ist 45 Jahre alt, ein Mann mit kurz geschorenem Haar und müden Augen, lässig und beherrscht. Einer, der eher implodiert als explodiert, wenn er sich ärgert. Schon sein…

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Nr. 21/2016