Lesezeit 12 Min
Gesellschaft

Ich, Tianyou

Im Land der Internetzensur entsteht ein neuer Typ Star. Livestreamer feiern sich vor Millionen und erfüllen den Traum der Partei von der perfekten Unterhaltung.

MATJAZ TANCIC / DER SPIEGEL
von
Bernhard Zand
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Gesellschaft

Der Mann, der 22 Millionen Follower hat, sitzt in einer Suite im 22. Stock eines Luxushotels in der chinesischen Hafenstadt Dalian: Li Tianyou, 26, ist ein schlanker, gut aussehender Mann, er wippt ungeduldig mit den Beinen, als er auf seinen Auftritt wartet.

Auf dem Schreibtisch vor ihm steht ein MacBook, das mit Kopfhörern, einer Webcam und einem Mikrofon verkabelt ist. Tianyou trägt eine Baseballmütze und das schwarze T-Shirt eines Londoner Fashionlabels, auf dessen Modenschau er am Nachmittag als Stargast aufgetreten ist.

Ein paar Männer gehen nervös zwischen Schlafzimmer, Flur und Wohnbereich hin und her, vor dem Panoramafenster warten zwei junge Frauen in Hotpants und schauen in den Sonnenuntergang hinaus. Alle rauchen, es riecht nach dem Zimtaroma einer teuren chinesischen Zigarettenmarke.

Es ist 19 Uhr, Zeit für das Hauptprogramm: die Li-Tianyou-Show, ein zwei Stunden langer Livestream im Internet, wie jeden Abend um diese Zeit, wo immer er sich gerade aufhält.

"Leute, da bin ich wieder", fängt er ohne Vorrede an, und was folgt, ist eine spontane Mischung aus Talkshow, Rap und Poetry-Slam, vorgetragen im schweren nordostchinesischen Dialekt, für den Tianyou bekannt ist. Manchmal redet er allein, manchmal im Wettbewerb mit anderen, kurzfristig zugeschalteten Livestreamern – oder, wie heute, mit Fans. Zwei junge Frauen haben den ganzen Nachmittag gewartet, nun bittet er sie zu sich vor die Webcam.

"Lass mich lieber ganz links sitzen", sagt eine der beiden, die sich Xiao Hua nennt. "Sonst sehen die Leute, wie dick ich bin."

"Was wiegst du denn?", fragt Tianyou.

"60 Kilo."

"Ach Quatsch. Mindestens 62", sagt…

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Nr. 48/2017