Lesezeit 22 Min
Politik

»Ich schaute auf mich selbst herunter und dachte: Was mache ich hier? Wie bin ich hier hineingeraten?«

Der gefeuerte FBI-Chef James Comey vergleicht US-Präsident Donald Trump mit einem Mafiaboss, spricht über seine bizarren Treffen im Weißen Haus und erklärt, warum er trotz der Russlandaffäre gegen eine Amtsenthebung ist.

BÉATRICE DE GÉA / DER SPIEGEL
von
Christoph Scheuermann
und
Mathieu von Rohr
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Politik

Das Flatiron Building auf der Fifth Avenue ist eines dieser Hochhäuser in Manhattan, die jeder Tourist kennt: dreieckiger Grundriss, vorn spitz zulaufend, ein eleganter, mondäner Keil. Drinnen, im zweiten Stock, sieht es schlichter aus. Ein dunkler Flur, auf dem Boden Bücherkartons, es riecht nach Filterkaffee. James B. Comey, 57, der frühere FBI-Direktor, zwängt sich in eine Kammer des Verlags Flatiron Books, der die engen Räumlichkeiten belegt.

Er wirkt locker, fast vergnügt – es ist sein einziges Interview mit einem deutschsprachigen Medium. Comey ist nach seiner öffentlichen Demütigung auf dem Zenit seines Ruhms angelangt. Vor fast genau einem Jahr, am 9. Mai 2017, warf ihn Donald Trump in einer unerhörten Wutaktion aus dem Amt, weil das FBI dem Präsidenten in dieser "Russland-Sache" – wie er sie nannte – zu nahe gekommen war. Seither hat Comey Trump auf verschiedenste Weise das Leben schwer gemacht. Er spielte der Presse Aufzeichnungen zu, die er als FBI-Direktor nach Begegnungen mit Trump angefertigt hatte, die sogenannten Comey-Memos; er erzählte vor einem Senatsausschuss in literarischer Detailtiefe von einem Zweier-Dinner im Weißen Haus, in dem Trump ihn zur Loyalität zwingen wollte; und schließlich unterschrieb Comey, natürlich, einen Buchvertrag.

"Größer als das Amt" heißt das Werk auf Deutsch, das diese Woche zeitgleich in mehreren Sprachen erschienen ist. Der Titel spielt auch auf die Körpergröße des Autors an, mit 2,03 Metern ist er nur zehn Zentimeter kleiner als der Basketballer Dirk Nowitzki. Es ist das zweite umfassende Enthüllungsbuch der Trump-Ära, nach "Feuer und Zorn" des Journalisten Michael Wolff. Im Gegensatz zu Wolff aber kann Comey einen exklusiven, langfristigen Zugang ins Innerste der Macht vorweisen – außerdem besitzt er das gefährliche Wissen eines Juristen, der das Räderwerk von Washington in- und auswendig kennt.

Comey schreibt mit der Präzision eines Staatsanwalts, dem Talent eines Romanciers und dem Ehrgeiz eines begabten Narzissten. Sein überwölbendes Thema sind die Prinzipien guter, ethischer Führung. Er weiß, dass er, der einstige Republikaner, für das linksliberale Amerika zu einer Art Idol wurde, zum Gegenspieler Trumps. Die saftigsten Zitate aus dem Buch kursierten schon vorige Woche in US-Medien, meist mehr oder weniger persönliche Attacken gegen den Präsidenten, den Comey als notorischen Lügner beschreibt, als Bedrohung für die Vereinigten Staaten und den Westen.

Was dieses Buch spannend macht, ist sein Autor. Comey nimmt den Leser mit in die New Yorker Halbwelt aus Mafiaclans und Finanzbetrügern, wo er seine Karriere als Staatsanwalt beginnt. Er erlebt als stellvertretender Justizminister die Debatte um Folter im irakischen Gefängnis Abu Ghuraib mit, bis ihn Obama zum Chef des FBI ernennt. Sein Vorgänger und Mentor ist übrigens ebenjener Robert Mueller, der dem Präsidenten seit Comeys Rauswurf als Russland-Sonderermittler zusetzt.

Trump steht nun durch seine Affären…

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Nr. 17/2018