Lesezeit 14 Min
Politik

"Ich könnte zum Präsidenten gehen"

Finanzminister Wolfgang Schäuble, 72, zweifelt, ob das Hilfspaket für Griechenland funktioniert. Er fordert mehr Integration in Europa und beschreibt seine Differenzen mit der Kanzlerin.

WERNER SCHUERING / DER SPIEGEL
von
Michael Sauga
,
Christian Reiermann
und
Klaus Brinkbäumer
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Politik

SPIEGEL: Herr Minister, haben Sie einen privaten Twitter-Account?

Schäuble: Nein. Twitter-Meldungen sind in der Regel nur kurzlebig, deshalb interessieren sie mich nicht.

SPIEGEL: Dafür haben sich die Nutzer des Kurznachrichtendienstes zuletzt umso mehr für Sie interessiert. Vergangene Woche waren Sie eine der meistgenannten Twitter-Personen. Zehntausende warfen Ihnen vor, mit dem jüngsten Hilfsprogramm einen Putsch gegen die griechische Demokratie inszeniert zu haben. Verletzt Sie das?

Schäuble: Ich habe das sehr gelassen gesehen. Mein E-Mail-Account war ja ebenfalls völlig zugestopft, und zwar zu 90 Prozent mit Meinungsäußerungen, die mich unterstützt haben. Eine solche Flut an Zustimmung habe ich noch nie erlebt. Trotzdem, bei Griechenland geht es um hochkomplexe Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.

SPIEGEL: Europa will das Problem mit einem neuen Kreditprogramm von mehr als 80 Milliarden Euro lösen. Ist das die richtige Antwort?

Schäuble: Vor einem halben Jahr war Griechenland kurz davor, an den Kapitalmarkt zurückzukehren. Heute liegt das Land wirtschaftlich am Boden. Das ist die Verantwortung der griechischen Regierung. Aber wir können die Menschen in Griechenland nicht allein lassen. Deshalb braucht es ein neues Programm, auch wenn es für die Menschen neue Härten bringt. Vor allem geht es aber auch um die Frage: Was ist die bessere Lösung für Europa?

SPIEGEL: Der US-Ökonom Paul Krugman hat dazu eine klare Position. Das neue Hilfsprogramm für Griechenland sei "reine Rachsucht", behauptet er, es zerstöre die "Souveränität des Landes". Teilen Sie seine Auffassung?

Schäuble: Krugman ist ein bedeutender Ökonom, der für seine Handelstheorie den Nobelpreis bekommen…

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Nr. 30/2015