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Politik

»Ich habe nicht den Eindruck, dass man in Deutschland den Ernst der Stunde begriffen hat«

Der britische Historiker Timothy Garton Ash, 63, über die Krise des Westens, das chinesische Modell als Konkurrenz zur Demokratie und die gefährliche Sorglosigkeit der Deutschen

BEN QUINTON / DER SPIEGEL
von
Christiane Hoffmann
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Politik

SPIEGEL: Herr Garton Ash, gibt es den Westen eigentlich noch?

Garton Ash: Als Geschichte, als Kultur und als Wertegemeinschaft schon. Als geopolitischen Akteur gibt es ihn im Moment nicht.

SPIEGEL: Sie sagen "im Moment" – halten Sie die Krise des Westens für eine vorübergehende Erscheinung?

Garton Ash: Ich glaube nicht, dass es mit dem Westen als geopolitischem Akteur ganz vorbei ist. Es ist durchaus möglich, dass Donald Trump die nächsten Wahlen verliert. Und die Verbindungen sind alle noch da: die Nato, andere internationale Institutionen, die wirtschaftlichen Verflechtungen.

SPIEGEL: Wenn Trump abgewählt wird, ist also alles wieder gut?

Garton Ash: Nein, keinesfalls. Der Westen entstand im Krieg gegen Nazideutschland und bestand weiter im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion. Als der gemeinsame Gegner weg war, wurde es schwierig. Heute sehen doch viele Europäer in Trump den gemeinsamen Gegner.

SPIEGEL: Trump stellt nicht nur den Westen infrage, sondern die gesamte internationale Ordnung.

Garton Ash: Alle tun jetzt so, als hätte es nach der Nachkriegsordnung eine vollkommene internationale liberale Ordnung gegeben. Aber die gab es gar nicht, sie war ein Traum, eine Vision der Neunzigerjahre. Hinter uns liegt ein Vierteljahrhundert, in dem wir versucht haben, aus dem Westen heraus eine internationale Ordnung aufzubauen. Wir sind damit ziemlich weit gekommen, es gibt heute mehr Demokratie in der Welt als jemals zuvor. Aber jetzt kommt die antiliberale Konterrevolution, und zwar von allen Seiten gleichzeitig: von Wladimir Putin, von Xi Jinping, von Recep…

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Nr. 29/2018