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Politik

Ich, Bürger Wostrikow

Beim Brand eines Einkaufszentrums in Sibirien verliert ein Schuhhändler seine drei Kinder, seine Frau und seine Schwester. Er wird zum Gesicht einer Revolte gegen Wladimir Putin. Er wird größer und größer, eine Zeit lang jedenfalls.

MAX SHER / DER SPIEGEL
von
Timofey Neshitov
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Politik

Am Nachmittag des 25. März gehen beim Notruf der sibirischen Stadt Kemerowo Dutzende Anrufe ein. Kemerowo liegt näher an Peking als an Moskau, das Einkaufs- und Unterhaltungszentrum Simnjaja Wischnja, auf Deutsch »Winterkirsche«, brennt, Lenin-Straße 35. Die Anrufe werden aufgezeichnet.

»112 Zentrale.«

»Holt uns aus diesem Kinosaal! Bitte!«

»Die Feuerwehr ist schon unterwegs.«

»Wir kommen hier nicht raus, warum hat man uns im Stich gelassen?!«

»Die Feuerwehr ist doch unterwegs – was wollen Sie noch von mir?«

»112 Zentrale.«

»Wir brennen! Die Winterkirsche!«

Im Hintergrund schreit ein Kind: »Mama, ich will nicht sterben!«

»Die Feuerwehr ist gleich da, wir wissen Bescheid. Gedulden Sie sich.«

»112 Zentrale.«

»Menschen fallen hier aus den Scheißfenstern, wo bleibt eure Feuerwehr mit den Planen?! Jemand muss sie auffangen, sie landen direkt auf dem Scheißasphalt! Wo sind eure Mistviecher mit den Planen?!«

»Reden Sie mal ordentlich. Alle sind schon vor Ort.«

Bei dem Brand sterben 41 Kinder und 19 Erwachsene. Darunter: Roman Wostrikow, 2. Artjom Wostrikow, 5. Anja Wostrikowa, 7. Jelena Wostrikowa, 30. Aljona Sabadasch, 23.

Drei Geschwister, ihre Mutter und ihre Tante. Sie gucken im dritten Stock den Animationsfilm »Sherlock Gnomes«. Die Leichen der Familie Wostrikow werden später an der ausgebrannten Mauer links vor der Leinwand geborgen. Roman, der Jüngste, liegt im Schoß seiner Mutter.

Igor Wostrikow, der Vater der Kinder, fährt an dem Wochenende Ski in Scheregesch, einem angesagten Bergdorf, 300 Kilometer weiter südlich. Igor ist 31 Jahre alt, ein Schuhhändler. Er hat bereits ausgecheckt im Ferienhaus und sitzt nun mit Freunden im Café. Kurz nach vier ruft Jelena an, seine Frau. Sie sagt nicht viel, sie kann kaum noch atmen.

Ich liebe dich, Igor, Igorjuscha ... Zwei Minuten noch telefoniert er mit ihr. Jelena sagt nichts, aber sie legt nicht auf. Vielleicht hört sie ihn noch. Er hört ihren Atem. Dann nicht mehr. Er legt auf, ruft wieder an, zweihunderttausendmal. Ein Freund fährt, Igor sitzt auf dem Beifahrersitz und drückt auf seinem Handy herum. Jelena geht nicht mehr ran, aber ihr Handy klingelt, bis acht Uhr noch.

Erstickt, denkt Igor. Nicht verbrannt.

Als er am späten Abend ankommt, brennt die Winterkirsche noch. Er sieht…

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Nr. 31/2018