Lesezeit 24 Min
Verbrechen

„Ich bin ein Terrorist, haha!“

Mit mindestens 64 Behörden hatte Anis Amri zu tun, doch sie haben ihn nicht gestoppt. Sechs Monate nach seinem Anschlag lassen sich die Versäumnisse der Staatsorgane rekonstruieren.

HERMANN BREDEHORST / DER SPIEGEL
von
Maik Baumgärtner
,
Jörg Diehl
,
Martin Knobbe
,
Fidelius Schmid
und
Wolf Wiedmann-Schmidt
Lesezeit 24 Min
Verbrechen

An einem Montag im Juli 2015 meldet sich um 13.45 Uhr ein junger Mann auf dem Polizeirevier Freiburg-Nord. Er sagt, er komme aus Tunesien und wolle Asyl beantragen. Die Beamten drücken ihm ein Formular in französischer Sprache in die Hand. In krakeliger Schrift schreibt der Mann, er sei 1993 geboren, Mechaniker und Koch, sein Name sei Amir.

Amir. Nicht Amri.

Es sind nur zwei vertauschte Buchstaben. Sie ändern alles.

Hätten die Polizisten an jenem 6. Juli Anis Amri in den Computer eingegeben, wäre eine Warnung erschienen. Sie hätten erfahren, dass der junge Mann kein schutzbedürftiger Flüchtling ist, sondern ein Krimineller, der in Sizilien im Gefängnis saß und nach Tunesien abgeschoben werden sollte. Ein Gewalttäter, "dem die Einreise in das Schengener Gebiet oder der Aufenthalt dort zu verweigern ist". So stand es in einem Informationssystem, auf das Behörden schengenweit Zugriff haben. Die Italiener hatten den Eintrag zu Amri zwei Wochen zuvor eingestellt. Das System hätte perfekt funktioniert.

Die Polizisten aber tippten "Amir" ein, so wie es auf dem Zettel stand. Der Computer meldete: kein Treffer. Die Beamten stellten ihm eine Fahrkarte aus und schickten ihn nach Karlsruhe, wo er sich bei der Landeserstaufnahme für Flüchtlinge melden sollte. Dort kam er nicht an.

Nur ein Buchstabendreher, schon versagte das System.

Anis Amri war nun im Land, aber das Land war auf einen wie ihn nicht vorbereitet. Es sollte Deutschland 532 Tage lang nicht gelingen, seiner habhaft zu werden. Selbst am 19. Dezember 2016 nicht, als Anis Amri einen Lkw auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz lenkte und den bislang größten islamistischen Anschlag in der Bundesrepublik verübte. Zwölf Menschen starben, Anis Amri floh, bis ihn ein Polizist bei Mailand erschoss.

Das Attentat lag gerade ein paar Tage zurück, da gab es die ersten Schuldzuweisungen. In Nordrhein-Westfalen (NRW) stand der SPD-Innenminister unter Beschuss, in Berlin forderte der CDU-Bundesinnenminister radikale Reformen. Das alles, bevor die gründliche Aufarbeitung des Falles begann.

Mittlerweile tagt ein Untersuchungsausschuss in NRW, bei der Berliner Polizei wurde eine Taskforce gegründet, der Senat setzte einen Sonderermittler ein, der seinen Zwischenbericht am Montag vorstellt. Nach und nach wird sichtbar, was zu dem Terroranschlag geführt hat, welche Versäumnisse es gab, welche Fehler.

Ein Team des SPIEGEL hat Zehntausende Seiten Akten gelesen und Menschen getroffen, die mit dem Fall zu tun hatten: Politiker, Polizisten, Behördenleiter und aufmerksame Flüchtlinge, die schon früh vor dem jungen Tunesier gewarnt haben.

Die Recherchen ergeben das Bild eines beispiellosen Behördenwirrwarrs, eines Versagens des deutschen Rechtsstaats und seiner starren, föderalistischen Struktur. Eines Systems, in dem viele zuständig waren, aber keiner verantwortlich.

Mehrere Hundert Beamte in mindestens 64 Behörden waren mit Amri befasst. Am Ende gelang es ihnen nicht, Amri zu stoppen. "Unstetigkeit ist die Konstante im Bewegungsmuster des Amri", notierte ein Mitarbeiter des Landeskriminalamts (LKA) Berlin. Mit dieser Unstetigkeit kamen die staatlichen Organe nicht zurecht.

Anis Amri konnte monatelang mit bis zu 14 verschiedenen Identitäten…

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Nr. 27/2017