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Hör mal, wer da spricht

Manche Menschen können keine Stimmen erkennen – nicht einmal die der eigenen Kinder. Wie ist dieses rätselhafte Phänomen zu erklären?

JON FRICKEY FÜR DER SPIEGEL
von
Laura Höflinger
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Wann immer es ging, vermied sie es, ans Telefon zu gehen. Sie wollte sich nicht die Blöße geben, wieder einmal nicht zu wissen, wer am Apparat war.

Es war nicht so, dass die 60-jährige Managementberaterin Schwierigkeiten hatte zu verstehen, was ihre Gesprächspartner sagten; nur gelang es ihr nicht, die jeweilige Stimme zu erkennen – noch nicht einmal die ihrer Tochter oder ihres Ehemannes. Wer bei ihr anrief, war immer erst einmal: ein Fremder.

Als sie einen neuen Job anfing, nannte sie ihren Arbeitskollegen mit Absicht einen falschen Namen. So konnte sie, wenn sie angerufen wurde, leichter erraten, wer sich gerade bei ihr meldete.

In der Fachwelt heißt die Britin inzwischen Patientin "KH", der weltweit erste bekannte Fall von angeborener Phonagnosie. Bis dahin kannten Mediziner nur Betroffene, bei denen eine vergleichbare Schwäche erst später im Leben auftrat, beispielsweise nach einem Schlaganfall.

2008 meldete sich KH beim University College London und berichtete, dass sie Stimmen nicht voneinander unterscheiden könne. Die Psychologen baten die Frau ins Labor und spielten ihr Aufzeichnungen von 96 berühmten Personen vor. Margaret Thatcher und David Beckham gehörten dazu; aber die einzige, die sie erkannte, war die des Schotten Sean Connery.

Das ist so, als könnte ein Deutscher weder Angela Merkel noch Lothar Matthäus anhand der Stimme identifizieren, dafür aber Til Schweiger.

Der Fall der Patientin KH war die…

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Nr. 51/2016