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Gesellschaft

Hilfe, mein Sohn hat Husten!

Überforderte Eltern, die ihren Nachwuchs mit jedem Wehwehchen in die Praxen bringen, treiben Kinderärzte in den Wahnsinn. In Gesundheitskursen sollen Väter und Mütter lernen, wann ihr Kind so krank ist, dass es wirklich zum Doktor muss.

MATTHIAS SCHMIEDEL / DER SPIEGEL
von
Julia Koch
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Gesellschaft

Justin ist fünf Jahre alt und hat schon viele Stunden seines Lebens in Wartezimmern verbracht. Allein 81-mal war er bisher bei seiner Kinderärztin, außerdem bei etlichen Fachärzten, im Wochenenddienst und in der Notaufnahme.

"Um seine Entwicklung mache ich mir wirklich Sorgen", sagt die Medizinerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Auch Justin heißt in Wirklichkeit anders. Es ist aber nicht die körperliche Gesundheit des Kleinen, die der Ärztin Kummer bereitet. Der Junge hat keine chronische Krankheit, leidet nicht öfter an Infekten als die meisten anderen Fünfjährigen. Doch für seine Eltern ist jedes Räuspern ein Notfall.

"Schläft schlecht", "Nase läuft", "harter Stuhl", "seit gestern kein Stuhlgang", "heute einmal Durchfall", "erkältet", "hustet", "hustet immer noch", "seit einer Stunde Fieber", "Atemnot (nicht nachvollziehbar)" – so liest sich die Liste der Malaisen, mit denen der Kleine bislang in die Praxis kam, manchmal mehrmals in der Woche. Oft musste er lange warten, denn fast immer herrscht bei seiner Kinderärztin Hochbetrieb.

Das liegt vor allem daran, dass es so viele Justins gibt. "In den 15 Jahren, die ich das jetzt mache", sagt die Ärztin, "hat das Vertrauen von Eltern in deren eigenes Urteil stark abgenommen." Für sie bedeutet das, dass sie an manchen Tagen mehr als hundert kleine Patienten begutachten muss, bei Kindern wie Justin sorgt es für unnötige Ängste. "Was das Kind inzwischen wirklich hat", sagt die…

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Nr. 25/2018