Lesezeit 18 Min
Gesellschaft

Herr Engel beschließt zu sterben

Michael Engel ist unheilbar krank. Er möchte sich in Würde auf seinen Tod vorbereiten, aber seine Familie wird zermürbt durch überforderte Pfleger und unsinnige Gesetze.

BERT BOSTELMANN / DER SPIEGEL
von
Dialika Neufeld
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Gesellschaft

An einem Freitagabend im Mai liegt Michael Engel in dem Gefängnis, zu dem sein Körper geworden ist, und beschließt, dass es Zeit sei, den Tod einzuladen. Er liegt unter einer rot gemusterten Decke in seinem früheren Arbeitszimmer im Erdgeschoss des Hauses und steuert mit seinen braunen Augen die Tastatur eines Sprachcomputers an.

Die Tastatur schwebt blau leuchtend über seinem Bett. Michael Engel kann nur noch mithilfe seiner Augen kommunizieren, aber sein Geist ist hellwach. Seine Iris wandert nach oben links zum Buchstaben E, nach unten in die Mitte zum N, zum D und noch einmal zurück zum E. Er schreibt:

ich plane dem Ganzen ein Ende zu machen -

Michael Engel ist 52 Jahre alt und leidet an der Nervenkrankheit ALS. Er lebt in Bad Bergzabern, einem Kurort an der Südlichen Weinstraße, wo es sanfte Hügel gibt und ein karamellfarbenes Abendlicht, das er schon lange nicht mehr gesehen hat.

Seine Welt ist klein geworden, seit sein Körper nicht mehr auf ihn hört. Sein Himmel ist eine holzvertäfelte Decke, sein Lebensraum ein stufenverstellbares Bett, sein Fenster nach draußen ein Flachbildschirm der Marke Toshiba. Neben ihm stehen Maschinen, die ihm Nahrung geben und Atemluft, an seinem Fußende sitzt ein Pfleger, 24 Stunden am Tag ist jemand da.

Michael Engel braucht lange für die E-Mail, die er an diesem Abend mit den Augen verfasst. Er schickt sie um 18.13 Uhr an eine befreundete Ärztin, er möchte von ihr wissen, welche Möglichkeiten er hat, sich das Leben zu nehmen. Er schreibt:

--wie lange dauert es ohne Nahrung

--was ist mit Schmerzen

--gibt es da noch andere Möglichkeiten (zum Beispiel erst drei Tavor und dann dreißig Oxigesic)

Er denkt an eine Überdosis Schmerzmittel.

Michael Engel war einmal ein kräftiger Mann, das sieht man an den breiten Schultern, die unter seiner Decke stecken, in seine dunklen Haare mischt sich das erste Grau, und wenn er lächelt, dann steckt er andere damit an.

Er hat eine Frau, die den ganzen Tag läuft und ihn fragt: "Was kann ich für dich tun, mein Schatz?" Er hat eine Tochter, die gerade Abitur macht, die Medizin studieren will, ein Mädchen mit langen, blonden Haaren. Es gibt schwarze Momente, Momente, in denen das gute Leben nur noch eine unscharfe Erinnerung ist, aber es gibt auch Dinge, die ihm Freude machen, Fußballländerspiele im Fernsehen, Songs…

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Nr. 36/2016